in konkret Juli 1984

Mitteilung
 
an Konkret
 
Siech im Volkskriech von Hermann L. Gremliza
 
Bei Gelegenheit des Todes von Enrico Berlinguer, ein Nachruf auf Biermann, Raddatz und andere »Eurokommunisten«
 
Nachrichten
 
In den Köpfen der Wehrpflichtigen regieren Frust und Resignation. Der Dienst wird als sinnlos und erniedrigend empfunden. Doch Rabatz ist selten geworden, von Widerstand keine Spur. Eine Generation arrangiert sich.
 
Nicaragua ist in Bedrängnis, seitdem es nicht mehr das Nicaragua Somozas ist. Kann es sich gegen die Umzingelung noch wehren? Wie lange noch? Mit welchen Entbehrungen? KONKRET-Redakteurin Sabine Rosenbladt sprach in Managua mit dem Innenminister Tomás Borge
 
Die Proteste und Demonstrationen auf den Philippinen nach der Ermordung des Oppositionspolitikers Aquino haben das Land in eine schwere politische Krise gestürzt. Wirtschaftlich stehen die Philippinen vor dem Bankrott. Die Neue Volksarmee in den Bergen wird immer stärker. Nun sollten Wahlen helfen. Nils Peter Ambusch war ein Jahr auf den Philippinen, unter anderem bei der Neuen Volksarmee
 
Im gerade gewählten Europaparlament sitzt neben vielen alten Gesichtern ein in der Politik bisher unbekannter Mann, der vielleicht größte italienische Schriftsteller der Gegenwart, der siebzigjährige Alberto Moravia, ein erklärter Anti-Politiker, kein Anhänger der Friedensbewegung, gewählt als Unabhängiger auf den Listen der PCI. Im Europaparlament, das er heute noch für eine machtlose Institution hält, will er gegen die Ausrottung der Gattung Mensch durch die von Politikern und Regierungen nicht mehr kontrollierbaren atomaren Waffensysteme kämpfen. Das persönliche Engagement eines Künstlers? Ein Paradox, ein Kuriosum, die ethische Spinnerei eines Senilen? Mit Alberto Moravia sprachen Ester Koppel und Rolf Uesseler
 
Sterbehilfe als Mittel der Humanmedizin, einem nur noch elenden Leben den Sprung ins Jenseits zu verschaffen, tut so, als gäbe es in den Krankenhäusern sonst eher Lebenshilfe, zumindest aber Überlebenshilfe. Doch die gerinnt nicht selten unter den Händen aller, die in den Krankenhäusern arbeiten, zur Absterbehilfe. Vieles verletzt, manches tötet. Eine Frau berichtet über ihre Erfahrungen
 
Als sich das Deutsche Reich unter Bismarck endlich auch Kolonien in Afrika zulegen konnte, da waren diese Gebiete selbst schon lange in deutscher Hand. Deutsche Handelshäuser hatten bereits in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Vorteile des Kolonialhandels entdeckt. Der größte dieser Kolonialwarenhandelhändler: Adolph Woermann. Ihm gelang es, Arbeiter und Verbraucher heranzubilden zum eigenen Nutzen
 
Die autonome Republik Daniel Cohn-Bendit hat sich ergeben mit Herz und Hand, mit Kopf und Bauch jetzt den Grünen. Er ist ihnen beigetreten, um jetzt kräftig mitzumischen in jenem Parlamentarismus, dem einst seine ganze Verachtung galt. Auch eine Wende? Oder doch nur die Kontinuität eines Rebellen? Detlef zum Winkel stellte Fragen und gibt Antworten
 
Im Wohnzimmer unternehmen sie Abendspaziergänge durch Großrechner von ITT und vagabundieren in anderer Leute Computer: Die »Hacker«, jugendliche Partisanen im Krieg mit der Datenbank. Werner Heine hat dem »Chaos Computer Club« über die Schulter geschaut
 
Horst Tomayer telefoniert als Vertreter der Chefredaktion der »Stuttgarter Zeitung« mit Herrn Schröder vom Bundesministerium des Innern, Beschaffungsamt
 
Kommentar
 
Die westdeutschen Medien - von ARD über ZDF, »Hör Zu« bis hin zur »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« - ließen während der Arbeitskämpfe um die 35-Stunden-Woche wieder einmal die kapitalistische Einheitsfront heraushängen. Mit Anstrengungen, die ihnen sonst nicht gerade eigen sind, gelang es ihnen immer wieder, Arbeiter vorzuführen, die eigentlich mit allem zufrieden waren: mit der Arbeitszeit, mit dem Arbeitsplatz und mit der Regierung sowieso
 
Horst Tomayer telefonierte als Herr Doktor Weber von der »Wirtschaftwoche« mit dem Schriftsteller Joachim Seyppel
 
Ein Gespenst geht um in den Medien - das Gerücht der Betriebsbesetzung. Aufruhr, Terror oder Anarchie? Aufgebrachte Belegschaften, Hammer schwingend und Barrikaden errichtend, die demonstrativ »die Bude dicht machen«, bevor Unternehmerhände dies tun? Ein Hauch Longwy? Oder eine Belegschaft mit unbequemen Gewerkschaftern, die nicht nur wissen, was in ihrem Grundsatzprogramm steht, sondern meinen, nach einigen Jahrzehnten könnten sie über die »Sozialisierung der Schlüsselindustrie« mal lautstark nachdenken?
 
Das Bundesarbeitsgericht heißt nur so. Es hat sich schon immer in besonderer Weise um den Staat und die Unternehmer verdient gemacht. Was im 3. Reich die »Ordnung der Arbeit« genannt wurde, nennt sich zwar heute anders, aber die Grundhaltung ist geblieben: Im Zweifelsfall immer gegen die Arbeiter
 
Von vornherein lag auf der Hand, daß die »geistig-moralische Wende«, dem Bildungsniveau des Vortragenden entsprechend, billig zu haben sein würde. Tatsächlich ließ der Kanzler den Bildungsetat '84 um 13 Prozent kürzen. Nun wird in diesen Monaten dem Millionenheer der Durchschnittsverdiener und sozial Schwachen verklart, wie teuer sie die Oggersheimer Schlittenfahrt zu stehen kommt
 
Kommentar
 
Gegendarstellung
 
Hollywood führt längst auch in unserem Stammhirn Regie
 
Die Kasse leer, das Publikum weg: Der Sog ist stark für die Freien und Alternativen Theatergruppen - in die Institutionen oder ins Nichts
 
Die subventionierten Stadttheater sind nicht mehr darauf angewiesen, sich auf einem Markt zu behaupten, gegen andere zu konkurrieren oder ein Publikum zu erobern. Sie unterliegen nur noch dem Zwang, ihre Millionen-Etats kleinkriegen zu müssen, ohne sie verpulvern zu dürfen. - So Wolfgang Pohrt in KONKRET 5/84. Adolf Dresen, Direktor des Schauspiels Frankfurt, schickte eine Antwort
 
Ist für die Friedensbewegung Karel Gott schon eine Zumutung und Nena noch eine »humanistische Künstlerin«? Die Kids mit ihrer eigenen Musik dort abholen, wo sie sind, lautet eben die Devise. Aber was, wenn die sich eins pfeifen - und bleiben, wo sie sind? Und nur die Linke kommt darüber weiter auf den Hund?
 
Seit drei Jahren ist er nach einer langen krankheitsbedingten, mit vielen Gerüchten und Legenden verzierten Pause wieder unterwegs. Jetzt gibt der schwarze Trompeter Miles Davis auch hierzulande ein Konzert. Gleichzeitig kommt seine neue Platte auf den Markt
 
Frankreichs erster Satellit wurde nach ihm benannt und ein Butterkeks. Er zog mit de Gaulle in den Wahlkampf und verhalf deutschen Studenten zum Demo-Maskottchen. Nun ist der gallische Gnom 25 Jahre alt. Comic-Experte Wolfgang Fuchs gratuliert
 
Wim Wenders bedankt sich beim Bundesinnenministerium. Der Bundesinnenminister bedankt sich bei Wim Wenders. Für »Bild« ist er der beste Regisseur der Welt. »Wir sind wieder wer im Film«. Wenders darf sich als ein deutscher Filmregisseur fühlen. Und er ist es auch: Deutsch. Immer auf dem Holzweg on the road
 
Unterhalb eines noch zu schließenden Kulturabkommens zwischen der BRD und der DDR gibt es immer wieder Bemühungen um Kooperation zwischen den beiden Staaten Beispiel Horst Seemanns Film »Ärztinnen«, hergestellt in den DEFA-Studios in Babelsberg mit Unterstützung der westdeutschen Manfred Durniok Produktion. Gerade vier Kopien des Filmes werden gegenwärtig durch die BRD gereicht
 
Filme ausführen, sagt Jean-Luc Godard, heißt nicht nur, Augen und Ohren aufzumachen. In »Vorname Carmen«, der jetzt in die Kinos kommt, ist Musik drin
 
Notizen von Diedrich Diederichsen
 
Was Frauen, auf den Binde-Strich treibt
 
Gemeinsam mit Brecht, der ihn einen seiner wenigen Lehrmeister nannte, schrieb er Stücke und versuchte das Kommunistische Manifest in Hexameter-Verse zu übertragen. Doch blieb er ein intellektueller Bürger, der nur einen Schritt weitergehen wollte, als es der ideologische Anstand seiner Klasse zuließ. Die Nazis, die ihn ausbürgerten und seine Bücher verbrannten, konnten seinen Erfolg nicht verhindern. In Vergessenheit geriet Lion Feuchtwanger, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, erst nach dem Krieg
 
Stephan Hermlin: Äußerungen 1944-1982, Aufbau-Verlag 1983 (erhältlich über Brücken-Verlag, Düsseldorf), 454 Seiten, 16 Mark
 
Ernest Hemingway: Ausgewählte Briefe 1917-1961. »Glücklich wie die Könige«. Hrsg. von Carlos Baker. Deutsch von Werner Schmitz, Rowohlt Verlag 1984, 640 Seiten, 58 Mark