in konkret Februar 1984

Vorwort von Manfred Bissinger
 
an Konkret
 
Coming out von Hermann L. Gremliza
 
Nachrichten
 
Jahrelange Einzelhaft, optische und akustische Isolation, Bunker, Post- und Kontaktsperre, Rollkommandos und Zensur gehören zum Alltag für politische Gefangene in der Bundesrepublik Deutschland. Um überleben zu können, fordern sie ihre Zusammenlegung in Gruppen
 
Peter-Jürgen Boock, der Autor dieses Beitrages, war Mitglied der RAF, bevor er sich schon vor Jahren von Ihr absetzte. Er wurde 1981 in Hamburg verhaftet, wo er mit neuen Freunden ein Loben außerhalb der Guerilla lebte. Seit dem 25. Januar 1983 findet der Strafprozeß gegen ihn in der Stammheimer Justizfestung statt. Angeklagt in den Fällen Jürgen Ponto, Dr. Hanns-Martin Schleyer und »seiner vier Begleiter«, die in den Presseinformationen des Generalbundesanwalts schon nicht einmal mehr einen Namen haben, sowie wegen des versuchten Anschlags auf die Bundesanwaltschaft. Boock hat sich nicht als Kronzeuge für Rebmanns Apparat benützen lassen und muß dafür büßen. Und auch für die übrigen politischen Gefangenen ist er ein Außenseiter. Für ihn bedeutet das: Isolation in der Isolation
 
Am 12. Januar berieten die Innenminister der Länder über den Einsatz beamteter Untergrund-Agenten, nach US-Vorbildern Under-Cover-Agents genannt. Humanistische Union und SPD, auch Teile der FDP, warnten daraufhin vor einer »halbkriminellen Geheimpolizei«. Zu spät: Längst hat das BKA solche Leute - nur mit einem kleinen Unterschied: Sie sind (noch) nicht verbeamtet. Sie arbeiten freischaffend und sind ans Amt nur »angebunden«
 
Schon lange ist es die Droge der Dritten Weit: das Einatmen der Dämpfe von Patexverdünnern, Fleckenwasser oder Fahrzeugbenzin. Jetzt breitet sich die Sucht der Ärmsten auch in der Bundesrepublik aus - vor allem unter Kindern und Jugendlichen aus zerstörten Arbeiterfamilien. Die Zahl der Schnüffel-Toten steigt, doch das öffentliche Interesse an dieser Sucht, ihren Ursachen und Folgen ist gering. Warum wohl? Der Sohn eines Senators schnüffelt nicht. Er fixt lieber. Fotos und Bericht von Brigitte Kraemer
 
Was der Arbeiter Heinrich Herzfeld vor 50 Jahren seinen nationalsozialistischen Vorgesetzten schrieb, gilt auch heute für viele Menschen in der Bundesrepublik. Überwachung und Bespitzelung nicht genehmer Gesinnung nimmt - nach einer kurzen Lockerungsphase - ständig zu. Das Wort BERUFSVERBOT wird wieder großgeschrieben. KONKRET-Autor Werner Heine beschreibt die Kontinuität in der Verfolgung Andersdenkender
 
Als die französische Regierung Anfang Januar der Entlassung von 1900 Automobilarbeitern zustimmte, kam es zur offenen Rebellion. Arbeiter prügelten Arbeiter. Sozialisten kämpften gegen Kommunisten. Noch nicht einmal drei Jahren Regierungszeit ist das sozialistische Regime in eine schwere im Krise geraten. Die Intellektuellen laufen nach rechts, die Löhne stagnieren, die Preise steigen weiter
 
Über den Konflikt bei den Automobilwerken Talbot
 
Mit der beschlossenen Duldung der hessischen SPD-Landesregierung durch die Grünen hat der entscheidende Kampf um die künftige politische Ausrichtung der alternativen Partei begonnen.
 
Über die Verhandlungen zwischen der Grünen und der SPD
 
Mehr als 30 Jahre währte der Streit um die Autobahntrosse von Bad Honnef nach Königswinter bei Bonn. Protestierende Anlieger verloren: das Teilstück wird gebaut. Allerdings sind die Lärmschutz-Auflagen bisher einmalig: die Autobahn muß »überdacht« werden. Die Kosten für die Steuerzahler: 50 Millionen Mark pro Kilometer Straße. Die Kosten für die Umwelt: Eine zerstörte Landschaft
 
Gleich mehrmals telefonierte KONKRET-Mitarbeiter Horst Tomayer Im Januar. Als Böller von der Reservistenkameradschaft, als Bangemann vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz, und als Wimmerl von der Narhalla-Gesellschaft sprach er mit Konservativen im Lande
 
Im Mai 1983 veröffentlichte der »Stern« die Tagebücher Adolf Hitlers und verlangte, daß nun die Geschichte des »Dritten Reichs« umgeschrieben werde. 1972 erschienen die Tagebücher des Kurt Riezler. Die deutsche Historikerzunft dekretierte, daß die Geschichte der Kriegsschuld am 1. Weltkrieg nur nach diesen Aufzeichnungen geschrieben werden dürfe. Hitlers Tagebücher waren gefälscht. Über die Echtheit von Riezlers Tagebüchern hat der Hamburger Historiker Bernd F. Schulte Bemerkenswertes ermittelt.
 
Öko-Tips
 
Ich bin gegen den Frieden. von Heinz Rudolf Kunze
 
In der Januar-Ausgabe berichtete KONKRET-Redakteur Hartmut Schulze über den Versuch, eine Kampagne gegen den Kulturteil dieser Zeitschrift zu entfachen. Der Liedermacher Lerryn, unter seinem bürgerlichen Namen Dr. Diether Dehm Konzertveranstalter und Musikmanager (Chef des »Musikant«-Labels im EMI-Konzern), startete »eine Unterschriftensammlung, die in Stil und Form ihresgleichen sucht« - so Ortwin Löwa in einem NDR-Kommentar. Gefordert wurde »ein Wechsel im Kulturteil«, der ein »einziges Zugeständnis an die (jeweilige) Neue Deutsche Welle« sei. Dehm konnte für seine Angriffe gegen KONKRET den Presseapparat der SPD, auch den »Vorwärts«, in Anspruch nehmen, und damit mußte er ernst genommen worden. Auch die Leser-Resonanz auf Hartmut Schulzes Antwort (»Der Kommissar«) zeigt, daß es hier nicht nur um die Manie eines Kulturproduzenten geht, der sich und sein Kulturverständnis Mißachtet sieht
 
Der Hamburger Maler Ernst Kahl hat sich die (Friedens-)Taube vorgenommen, und Horst Tomayer hat einen Text dazu geschrieben
 
Am 18. Januar wäre Arno Schmidt 70 geworden – inzwischen liest man sogar seine Bücher
 
Amerika spielt mit den Muskeln, nicht nur im übertragenen Sinn: überall macht sich ein neuer Männerkult breit. In der Werbung, im Fernsehen und vor allem im Kino wird das primäre männliche Geschlechtsmerkmal wirklich zum primären. Hat Reagans aggressive Politik etwas mit diesem neuen Machotum zu tun? Wolf Donner war einige Wochen in den USA und beschreibt seine Eindrücke
 
Eine Kreisstadt im Regierungsbezirk Rheinland-Pfalz mit 166.111 Einwohnern, einem Hochhaus von 101,63 Metern und einer »Anstalt«, die nicht nur so aussieht wie die örtliche Kreissparkasse. Ausgerechnet hier begann mit dem ersten bundesdeutschen Privatfernsehen Anfan Januar ein »neues Medienzeitalter«. Durch seine Kabel verbreitet es den Genius loci: muffelige Provinz, tut fünfzig Kilometer weiter liegt Oggersheim. Aber jeden zweiten Samstagabend gibt es das Unterhaltungsmagazin »Schön ist die Welt«. Die Sendung wird von einer Gruppe Junger Hamburger Journalisten gestaltet, und im Rahmen des Ludwigshafener Programms wirkt sie wie Wim Thoelke mit Straps Oliver Hirschbiegel und Diedrich Diederichsen gestalteten die erste Folge von »Schön ist die Welt«- In einem »Manifest«, das Joachim Lottmann mitverfaßt hat, erklären sie,»was wir wollen, und wen wir nicht wollen«. KONKRET dokumentiert:
 
Mit minimalen Mitteln wurde der Erstling von Uwe Schrader zu einem Super-Film: »Kanakerbraut«
 
Der sowjetische Star-Regisseur Andrej Tarkowski (»Solaris«, »Stalker«) hat zum ersten Mal einen Film im Westen gedreht: »Nostalghia«
 
Als er seinen Spielfilm »Das Leben ist ein Roman« drehte, wies Regisseur Allain Resnais die Mitwirkenden an, frei drauflos-zuarbeiten, »sogar, wenn es zu Scheußlichkeiten führt«
 
Warum nicht mal einen Film ansehen, der »Tanz der Teufel - The Evil Dead« heißt
 
Wie Armee, Politik und Presse auf den Autoren-Aufruf zur Kriegsdienst-Verweigerung reagierten
 
Plattentips von Sabine Bredy
 
Kulturnotizen
 
Walter Kempowski (»Tadellöder und Wolff«) ist ein erfolgreicher und Geschäftstüchtiger Dichter. Gegen gutes Honorar hält er bei sich zu Hause »Literatur-Seminare« ab
 
Monika Sperr hat ihrer Heldin Petra Kelly mit einer Biografie einen schweren Schlag versetzt
 
Der linke Psychologe Klaus Holzkamp hat ein Grundlagenwerk geschrieben, das seinen Preis von 138 Mark wert ist.
 
KONKRET hat wieder einige Schriftsteller noch dem Buch gefragt, das sie gerade lesen. Die Antworten kamen spontan, um Telefon
 
Mit Scheißhaus-Parolen ist immer noch Geld zu verdienen, und das Gekritzel vom Klo gibt sogar einen prächtigen Bildband her
 
Eckhard Henscheid, der Chronist des laufenden Schwachsinns, hat den aktuellen Zeitgeist festgeschrieben. »Dolce Madonna Bionda« heißt sein neuer Roman