Konkret 06/83, S. 102  
Hermann L. Gremliza  
Gremlizas Express
 
Die »Bild«-Zeitung behält den Überblick:Der beste deutsche Tennisspieler aber steht in der Weltrangliste nur auf Platz Nr. 89. Verstehen Sie das? Wir schon. 15jährige Talente bekommen in Deutschland schon Verträge bis zu 25. 000 Mark. Großes haben sie da noch nicht geleistet. Wer so verwöhnt wird, ist schnell satt. Nur Hunger und Ehrgeiz produzieren Sieger.  
Auf den ersten Plätzen der Weltrangliste erwarten wir demnächst die Cracks aus Eritrea.
 
Vom Popen und vom Poppen - oder Pfarrer Sommerauer und die künstliche Befruchtung:  
Sollte sich aber das wesentliche Interesse vom Glück der Liebe auf Experimente der Züchtung verlagern, dann laßt uns das doppelte Interesse an der »alten Methode« entfalten.  
Aber, aber, Herr Fickar.
 
Es ist doch nicht alles umsonst. Letztens habe ich die besten Köpfe der deutschen Wirtschaft - Horst Burgard, F. Wilhelm Christians, Robert Ehret, Wilfried Guth, Alfred Herrhausen, Eckart von Hooven, Hilmar Kopper, Klaus Mertin, Ulrich Weiss, Herbert Zapp, Werner Blessing und Ulrich Cartellieri - mit ihrer gemeinsamen Erleuchtung zitiert:  
Jede Gemeinschaft kann auf Dauer nur so intelligent, leistungsfähig und erfolgreich sein wie die Menschen, aus denen sie besteht.  
Heute kann ich sagen, daß sogar mein Kanzler mich gehört hat. In seiner Regierungserklärung sprach er:  
Jede Gemeinschaft kann au/ Dauer nur so leistungsfähig sein wie die Menschen, aus der sie besteht.  
Ich habe mitregiert. Daß ich das noch erleben durfte, läßt mich splitterrichterliche Einwände wider die Grammatik meines Führers vergessen. Ehret sei der Mensch, Christians und Guth.
 
Die Welt wird sowieso schöner von Tag zu Tag:  
Der Berliner Verleger Axel Springer konnte seine russischen Freunde in seinem Haus in Schleswig-Holstein begrüßen, das selbst wie ein verzaubertes Zeugnis einer jahrhundertelangen Geschichte wirkt. Gesprochen aber wurde von der Gegenwart: »Die sich auflösende Welt, in der wir leben, hat apokalyptische Züge, jeden Tag kann die Katastrophe über uns hereinbrechen. Daß es bisher immer wieder gelungen ist, dieses jüngste Gericht hinauszuschieben, verdanken wir den Gerechten, die es auch überall auf der Welt gibt«, sagte Springer.  
Eine Auswahl der Gerechten, derentwegen das Jüngste Gericht noch einmal verschoben werden mußte, schmückte den »glanzvollen Abend auf Gut Schierensee«:  
U.a. die Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und Bernhard Vogel, Louis Ferdinand Prinz Preußen, Marie Alix Herzogin von Schleswig-Holstein, Friedrich August Herzog von Oldenburg, Karl Klasen, Alwin Münchmeyer ... »Plötzlich wurde Weltgeist spürbar, sagte einer der Gäste.  
Das ist die Apokalypse. »Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten, redet mit mir und sprach zu mir: Komm, ich will dir zeigen das Urteil der großen Hure, die da auf vielen Wassern sitzt. mit welcher gehuret haben die Könige auf Erden« und die Prinzen, Herzöge, Ministerpräsidenten, Bankdirektoren und Zeitungsverleger. »Und sie wurden gerichtet, ein jeglicher nach seinen Werken.« Künstlerpech.
 
Wie die »Welt am Sonntag« aussieht, bestimmt der Claus Jacobi:  
Bei den Vietnam-Protesten in Amerika führten selten Vietnam-Veteranen das große Wort. Gilt ähnliches nicht auch für unsere Friedensfreunde?Und ob! Reißen das Maul auf und haben noch nicht einen Atomkrieg mitgemacht!
 
Der Regisseur Hansgünther Heyme, sympathisch durch seinen Plan, den umschwärmten »Wüstenfuchs« Erwin Rommel als »Lieblingsnazi« auf die Bühne zu bringen, ist auf Abwegen:  
Unseren »Dallas-Hirnen« sei drei Stunden Shakespeare im Fernsehen nicht mehr zuzumuten. Die kaum mehr gelesenen Kritiker könnten nur noch durch Zurechttrimmen und Zusammenstreichen gerettet werden.  
Will Heyme im Fernsehen den ganzen Shakespeare in 45 Minuten machen? Titel: Romeo und Alfetta? Es war die Yamaha und nicht die Honda. Bock oder Nullbock, bei Philips sehen wir uns wieder. Gut gebrüllt, Snoopy. Hast du die Pille genommen, Desdemona? Aber aufgepaßt, Trimmer und Streicher! So tot wie Heyme ist Shakespeare noch lange nicht, und der Schwan von Stratford ist immer gut für ein Überraschungsei oder auch Hamlet Surpris: Behandelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und wer ist dann vor Schlägen sicher, Hansgünther?
 
Theo, der Uhu von der Alster, versucht in »Newsweek« auch englisch zu tirilieren: '  
Beards in the Bundestag. The Green Party brings a breath of fresh air to German politics - but to be successful they need to grow up.  
Cried the raven: What you not say!  
Their mighty beards flashed a protest at the world of the cleanly shaven. To be quite honest, I could not help being amused myself.  
Over yourself? Wenn die bärtigen Frischluft-Kinder erwachsen werden wollen, muß ihnen zur Regierungserklärung des Helmut Kohl einfallen, was meinem glattrasierten Theo einfiel:  
Den Worten müssen jetzt Taten folgen.  
Statt: Nicht auch das noch!
 
Es liegt zwar näher, Frau Thatcher eine blutrünstige Vettel zu nennen, man kann sie aber auch so sehen wie der »Welt«-Redakteur Fritz Wirth:  
Frau Thatcher erwies sich als der mannhafteste, mutigste und entschlossenste Regierungschef der letzten Jahrzehnte. Es bedurfte zu dieser Erkenntnis nicht nur des Härtetests des Falkland-Konflikts,  
wobei ja die Weiterbildung des Fritz Wirth mit tausend Erschossenen und Ertränkten keinesfalls zu teuer bezahlt ist, zumal für uns die Erkenntnis abfällt, daß ein ordentlicher Kolonialkrieg für die Publizisten der Wende immer noch ein Stahlbad bedeutet. Nicht für die eigenen Schweißfüße, versteht sich, denn die mannhaftesten, mutigsten und entschlossensten Vetteln beiderlei Geschlechts werden nun mal am Schreibtisch gebraucht.
 
Die Rosetten des Herbert Wehner und des Helmut Schmidt zeugen mit ihren Fransen noch heute von den jahrelangen Bemühungen des Klaus Bölling, den Weg nach oben zu finden. Jetzt hockt er im Kristallpalast und schmeißt mit Felsbrocken:  
Da sitzen in den Funkhäusern kriegsstarke Kompanien von Leuten, die nichts gemacht haben als Arschkarrieren mit turnusmäßiger Gehaltserhöhung.  
Das ist der Hochmut des Gekrochenen vor den Ersessenen.
 
Wenn die Leitartikler der Bürgerpresse sich den letzten Fragen zuwenden, ist das ein sicheres Zeichen, daß es mulmig wird. Jürgen Eick von der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« hat bis zur zweiten Arbeitslosenmillion wacker mitgehalten und nicht mit vorletzten Antworten gegeizt. Aber was zuviel ist, ist zuviel:  
Wer sind wir eigentlich? Randfiguren des Makrokosmos, aparte und höchst seltene wie seltsame Zufallsprodukte? »Entartungen«, die eigentlich in diesem unbegreiflich weiten Universum gar nicht vorgesehen sind? Oder sind wir biologische Existenzen, die es in ähnlicher Weise vielfach geben muß?  
Mensch, Eick, Kopf hoch! So selten, wie wir uns das wünschen, sind Sie doch noch gar nicht. Seltsam, entartet, apart - meinetwegen. Aber deshalb hängt man sich doch nicht am nächstbesten Stern auf. Wenn das jede Randfigur des Makrokosmos täte! Zu Recht sagen Sie:  
Hier könnte man von den Theologen mehr Bemühung erwarten, naturwissenschaftlich interessierten Leuten bei der Suche nach Antworten auf letzte Fragen zu helfen, insbesondere den jüngeren, statt sich über allzu vordergründige Tagesprobleme zu ereifern.  
Machen sie den Anfang, Eick. Stellen Sie sich morgen früh vors Frankfurter Arbeitsamt, und erklären Sie den Leuten die Kassiopeia. Dann erleben Sie mal, was 'ne Randfigur ist.