Konkret 06/83, S. 100  
Tom Schimmeck  
Bücher: Völlig aufgelöst  
Immer mehr Männer suchen ihre »Rolle in der heutigen Zeit«. Manche sollten's besser lassen - oder wenigstens nicht noch zu Papier bringen.  
Es gibt Trauerspiele, die durch oft wiederholte Aufführung immer trauriger werden. Einen Tiefpunkt solcher Tristesse bietet das Buch »Mann-Sein - Identitätskrise und Rollenfindung des Mannes in der heutigen Zeit«.  
Wir erfahren, daß zwei Therapeuten, zwei Aussteiger, ein Berufsschreiber, ein Sozialpsychologe, ein Sozialarbeiter und ein Volker Elis Pilgrim bei ihrer Arbeit mit erheblichen psychischen Problemen zu kämpfen hatten - was wir nach Lektüre des Sammelbandes nur allzu gut verstehen. Geht es doch um die »fehlende Intimitätsdimension« der Männer, um »neue Dimensionen des Rollenkonflikts«, die es »anzugehen« gilt.  
Gehen wir es an: Als erster tritt der Herausgeber Rodrigo Jokisch auf, dankt seinem Therapeuten, »daß er mir einen Raum verschaffte, in dem ich mich weich, klein und traurig zeigen konnte«, und teilt den Männern mit, was sie als »kleine Wesen« und damit eigentlich überhaupt sind: »Wir sind einfach da und haben Hunger, Durst, sind müde und fühlen uns wohl, warm. In anderen Worten: Wir sind ein Gefühlsbündel.« Nur daß diese blöde Sozialisation immer dazwischenfunkt, Vater und Mutter und der Penis und die Frauen, überhaupt die ganze Umgebung, die uns den Rücken verspannt.  
Dann ist Volker Elis Pilgrim an der Reihe, Oberschrift: »Ich bin eine Pflanze«. Er radelt durch seine Biographie, erzählt von Lymphdrüsenschmerzen, dem Schöpfungsakt und Ostberliner Bahnhöfen, beleuchtet die Vorzüge von Leinöl in Abgrenzung zur Margarine und entschuldigt sich am Ende:  
»Schreiben heißt, fließen und kommen lassen, alles machen und alles zulassen.« Aber wenigstens gibt er zu, daß er auf den Hund gekommen ist: »Seit drei Jahren bin ich in einer Schwäche, die mich in allem, was ich war und was ich tat, verrückte, daß ich oftmals dachte, mich in der Auflösung meines Geistes und meiner Existenz zu befinden.«  
Bei der Mehrheit der restlichen Autoren steht dieser Zustand offenbar unmittelbar bevor. Gerhard Vinnai, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Bremen, philosophiert nach einem das System an sich attackierenden Abstecher (»die Liebe ... wird allzu leicht von der stummen Gewalt einer totalitären Ökonomie erschlagen«) über den Begriff des Vögelns: »Vögel haben die Freiheit, sich von der Erde lösen zu können. Im Falle einer Bedrohung können sie wegfliegen in die rettende Ferne oder sie können heimfliegen in ein schützendes Nest. Auch wir waren einst Vögel. Im Mutterleib waren wir Wasservögel, die sich durch ein warmes Meer gleiten ließen ... « Wenn Professoren einen Vogel haben, lösen sie sich von der Erde und fliegen in die Zoologie.  
Von Seite zu Seite wird das Lachen bitterer. Das männliche Leid wird in so dichte Schwaden gehüllt, daß Verdunkelungsgefahr besteht. Noch einmal beleben die Autoren das Gruppendynamik-Vokabular der späten Siebzigerjahre. Es ist von Rollenzwängen, Besitzansprüchen, Erwartungshaltungen, vom Ausleben und natürlich von Beziehungen die Rede. Da wird gelitten und gelabert, eine Krise türmt sich auf die nächste, nichts geht mehr, man fühlt sich schwach, scheu, nervös und durcheinander. Autor Klausbernd Vollmar, der 1977 mit dem Buch »Käse selbst gemacht« an die Öffentlichkeit getreten ist, bringt es in seinem Beitrag »Mann-Werden., Ein Traum« auf den Punkt: »Beschäftigen wir uns mit uns selbst, da haben wir genug zu tun.«  
Wer wirklich etwas über Männer erfahren will, ist mit jedem Jerry Cotton-Heft besser bedient.
 
Rodrigo Jokisch (Hrg.): »Mann sein - Identitätskrise und Rollenfindung des Mannes in der heutigen Zeit«, Rowohlt Verlag, 126 Seiten, 8,80  
Mark