Konkret 06/83, S. 97  
Matthias Altenburg  
Bücher: Keiner muß Kassandra sein  
Christa Wolfs neues Werk ist ein Lichtblick in all der zweifelhaften Friedensliteratur.  
Vorneweg: von dem, was man Friedensliteratur nennt, hab ich die Schnauze voll. Und zwar gestrichen. Wenn, was geschrieben wird, nicht gegen Krieg geschrieben wird, nicht Lust auf Leben macht (und sei es durch die Schilderung des Schreckens) und nicht auf Wahrheit aus ist, hat es den Namen Literatur doch sowieso verwirkt.  
Ach ja, und noch eins: da werden Bücher gemacht über die Ausweglosigkeit, immer flinker, immer mehr; da werden diese Bücher rezensiert und vielleicht auch gelesen. Man könnte fast neidisch werden auf soviel Unheilsgewißheit. Aber, denk ich mir, Literatur, wenn sie der Mühe wert sein soll, muß sich dicht an der Grenze bewegen, hinter der die Sprachlosigkeit beginnt.  
Die Erfahrung habe ich gemacht: Christa Wolf lesen, das heißt, nicht mehr loskommen. Auch lange nach der Lektüre nicht. Die unlebbaren Alternativen, von Bindungen abzuhängen, die mich ersticken, wenn ich sie dulde, und die mich zerreißen, wenn ich mich löse, darum ging es in »Kein Ort. Nirgends«. Was konnte danach noch kommen?  
Also »Kassandra«. Kassandra ist die Seherin, dazu verurteilt, daß ihr keiner glaubt. Wer ist Kassandra?  
Die Autorin nähert sich dem Thema auf einer Griechenlandreise, in Gesprächen zu Hause, in Notizen, einem Brief. Dokumentiert ist dies in den jetzt als Buch vorliegenden Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Zum Glück bleibt Christa Wolf nicht sachlich, will es nicht bleiben, will Kassandra herauslösen aus Mythos und Literatur. Deshalb läßt sie sich irritieren von Zeitungsberichten, die den Stand der Kriegsvorbereitungen melden; deshalb schaut sie den Leuten in die Augen, beschreibt das Osterfest der Griechen und auch die bildungsbeflissenen Touristen, deren Weltläufigkeit mit der Zeit zur Läufigkeit schrumpft.  
Aber warum diese Figur, warum soweit zurück? Wo will die Autorin hin? Und gleich der Verdacht: Christa Wolf als Seherin? Oh, Gott.  
Aber nein, dann finde ich den Satz Jetzt muß man nicht mehr »Kassandra« sein: Die meisten beginnen zu spüren, was kommen wird. Kassandra ist heute ein Kollektiv.  
Christa Wolf übt Zivilisations- und Rationalismuskritik; sie weiß um die Rolle der Ängste, der Sehnsüchte und Träume; sie weiß auch, wie lange die Linke all dies vernachlässigt hat. Aber alles, was sie dazu schreibt, schreibt sie so, daß es nicht verwertbar wird für ein Menschenbild, weiches die animalische Bewußtlosigkeit, die klebrige Unvernunft zum Ideal erhebt. Und dazu das schöne Leonardo-Zitat: »Die Erkenntnis, die nicht durch die Sinne gegangen ist, kann keine andere Wahrheit erzeugen als die schädliche.«  
Wenn ein entfremdungsfreier Raum für möglich gehalten wurde, dann galt als solcher immer und zuerst die Kunst. Christa Wolf ist da skeptisch. Wo die Möglichkeiten schwinden, kann Geschichte nicht mehr als Heldengeschichte erzählt werden. Wo Realisten, Pragmatiker die Welt in Stücke sprengen wollen, muß ein neuer Realismus her, ein neues Wirklichkeitsverständnis. Die Befürchtung, Ästhetik sei auch dazu geschaffen, sich Wirklichkeit vom Leib zu halten, ist berechtigt. Geschlossenheit verkommt fast immer zur Idylle.  
Die letzte, fünfte der Poetik-Vorlesungen ist die Erzählung selbst. Freunde haben mich gewarnt - »Unlesbar! Die vielen Götter und so ... « Die Griechen haben Troja besiegt. Agamemnon, ein Sieger, nimmt sich Kassandra, die Tochter des Trojaner-Königs Priamos, als Beute mit nach Hause. Sie weiß, daß sie ihre Ankunft in Mykenae nur um wenige Stunden überleben wird. Angesichts des Todes resümiert sie das Geschehene. Ihr Monolog ist die Erzählung. Es stimmt: Der nahe Tod mobilisiert manchmal das ganze Leben. Zehn Jahre Krieg. Sie waren lang genug, die Frage, wie der Krieg entstand, vollkommen zu vergessen. Mitten im Krieg denkt man nur, wie er enden wird. Und schiebt das Leben auf. Wenn viele das tun, entsteht in uns der leere Raum, in den der Krieg hineinströmt.  
Kassandra war gerne Trojanerin. Aber der Krieg hat die Stadt gespalten. Die Ereignisse nehmen zu, die Wirklichkeit nimmt ab. Gesichter werden zu Fratzen und Schwächlinge zu Helden. Immer mehr gerät Kassandra in Widerspruch zum Palast, zu ihrer Familie. So, nur auf sich selbst zurückgeworfen, entdeckt sie Außenwelt und schließlich Freunde. Die Stadt wird beschrieben, die Wege, das Pflaster, die Mauern, die Hitze, das Licht. Nichts ist nebensächlich. Eins ist sicher, daß die Kraft, was Neues anzufangen, nicht aus den großen Siegen, daß sie aus dem Alltag kommt.  
Kassandra hat ein Angst-Gedächtnis, ein Gefühls-Gedächtnis. Sie will Zeugin sein, auch wenn ihr keiner zuhört. Wann der Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Wer hat schon den Mut heute, so nüchtern zu schreiben, daß es den paar Exoten, die noch gelernt haben lesen zu wollen, das Herz zerfetzt? Es tut gut, jetzt, wo wir schwächer werden, solche Bücher zu haben. Da ist eine, die hat auch Angst, aber flennt nicht, kann trotzdem gerade gehen. Bei voller Bewußtheit gibt die noch was auf Träume.
 
Christa Wolf: »Kassandra«, Luchterhand Verlag, 157 Seiten, 22 Mark  
Materialiensammlung »Voraussetzung einer Erzählung Kassandra - Frankfurter Poetik-Vorlesungen«, Sammlung Luchterhand 456, 160 Seiten, 12,80 Mark