Konkret 06/83, S. 94  
Gabriele Kreis  
Zur rechten Zeit der rechte Prozeß  
Immer mehr Bücher müssen unter den Ladentisch. Jetzt steht ein Verleger wegen Pornographie vor Gericht.  
Für Frau U.E., Mitglied der evangelischen Frauenvereinigung und selbsternannte Sprecherin »aller anständigen Menschen« ist die Sache klar: In Schwarzenbek steht seit Ende April ein »Sittenstrolch schlimmster Sorte« vor Gericht, einer, der zu einer »saftigen Geldstrafe« verurteilt gehört, wenn nicht gar (die Dame hat ein Wort gelernt) zu »einigen Jahren Berufsverbot«.  
Berufsverbot ist gefordert als Verlagsleiter, denn als solcher hat der Angeklagte versagt. Ein Herr Ungenannt gab es ihm schriftlich, per Post, pünktlich zum dritten Verhandlungstag: »Haben Sie denn kein Gespür? Sind Sie schon so verkommen, daß Sie nur noch im sexuellen Schmutz wühlen können? Von Verantwortung jungen Menschen gegenüber haben Sie überhaupt keine Ahnung. Weg mit diesen unanständigen Taschenbüchern, die unsere Jugend verderben!«  
Der so ins Gerede Geratene ist Dr. phil. Matthias Wegner, 45 Jahre alt, Verlagsleiter des Rowohlt Buch- und Taschenbuch Verlages, eines Unternehmens, das sich seiner »verlegerischen Liberalität« und seines »aufklärerischen Impetus« rühmt. So jedenfalls stellte es Matthias Wegner vor Gericht dar, befragt zu Person und Sache. »Immer bemüht, nicht hinter der Zeit herzulaufen«, kreierte Rowohlt so verdienstvolle Reihen wie rororo Sexologie und so lukrative wie ropopo (Branchen-Spitzname). Die allerdings ist versteckt in der allgemeinen Taschenbuchreihe und nur erkennbar an der immergleichen Aufmachung: Blanke Brust in Pastellfarben, rote Schrift auf weißem Grund. Ansehnliche Büchlein, nicht frauenfeindlicher als etwa »Stern« und »Spiegel«, weniger sittengefährdend als »Dallas« - wenn auch meist genauso schlicht gestrickt. Und sie sind längst nicht so jugendgefährdend wie der derzeitige Lehrstellenmangel oder die regelmäßige Lektüre von »Bayernkurier«, Landserheftchen oder der »Deutschen National-Zeitung«. Dennoch wurden viele von ihnen von der Bundesprüfstelle (BPS) zur jugendgefährdenden Schrift erklärt und indiziert. Jugendgefährdend, weil pornographisch - das für die BPS mit Abstand schlimmste aller Vergehen: Den rund 3.000 »pornographischen Indizierungen« stehen ganze 80 wegen Rassenhetzerei und Gewaltverherrlichung gegenüber. Ein absurdes Zahlenverhältnis, ein Dokument herrschender Moralvorstellungen, denen zufolge der Ruf »Ausländer raus!« weniger verwerflich ist als die gedruckten Lustschreie minderjähriger Mädchen beim Geschlechtsverkehr.  
Vor allem um die geht's nun in »Rosa Autostop« (Erstauflage 65.000 Exemplare, verkauft 50.000) von José Pierre und »Schwestern« von Pierre Louys, die Matthias Wegner vor den Kadi brachten. Gehört »Rosa Autostop« nur zu den indizierten Titeln, so sind die »Schwestern« dagegen inzwischen für jedermann verboten - strafrechtliche Konsequenz einer bayerischen Anzeige. Im Frühjahr 1982 wurde die gesamte Auflage zu Altpapier verarbeitet. »Rosa Autostop« gibt es immer noch, im Unterm-Ladentisch-Verkauf.  
Nun sollten Indizierung und Verbot genug Strafe sein für einen Verleger, der verkaufen will - und so war es ja auch bis vor kurzem. Die letzte strafrechtliche Verfolgung in solcher Sache liegt an die zehn Jahre zurück. , Nun kommt die geistig-moralische Erneuerung in die Gänge, und die Reaktion marschiert wieder. Am flottesten natürlich, und das schon seit geraumer Zeit, in den CDU- und CSU-regierten Bundesländern. Ein Blick in die »BPS-Statistik für 1982 - Anträge auf Indizierungen« genügt: Angeführt wird sie vom Kreisjugendamt Hannover (nur zuständig für die Stadt Hannover) mit 49 Anträgen. Zum Vergleich: Die Jugendbehörde Hamburg ist mit nur zwei Anträgen dabei. Ein Zufall ist das sicherlich nicht. Viele Indizierungsanträge bringt nur zusammen, wer eifrig sucht. Die wiederholt geäußerten Vorwürfe hannoverscher Buchhändler, »die Staatsanwaltschaft verstehe sich immer mehr als 'Sittenwächter' und beschlagnahme zunehmend auch erotische Klassiker, wies Thomas Pfleiderer, Dezernent der niedersächsischen »Zentralstelle zur Bekämpfung gewaltverherrlichender, pornographischer und sonstiger jugendgefährdender Schriften«, allerdings entschieden zurück: »Wenn die Zahl unserer Kontrollen in Buchhandlungen und der Beschlagnahmungen steigt, dann deshalb, weil heute auch zunehmend seriöse Verlage pornographische Werke in ihr Programm aufnehmen.« In diesem Zusammenhang fällt der Name Rowohlt.  
Ins gleiche Horn gestoßen wird in der letzten BPS-Statistik: Der Liste der indizierten Rowohlt-Titel (insgesamt 16) ist eine Fußnote angefügt, ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus dem »Stern«: »Im Taschenbuchbereich, der das Unternehmen trägt und Gewinn macht, drängen die reinen Lore-Romane und Pornos nach vorn. Die Maßstäbe für gute Unterhaltungsliteratur verrutschen.« - Was diese Notiz (für Wegner-Anwalt Groth »eine Beleidigung des Verlags«, für Matthias Wegner schlicht »unwahr«) in einer Statistik zu suchen hat, wird das Geheimnis von BPS-Leiter Rudolph Stefan bleiben. Den Verdacht, daß der nun eröffnete Prozeß gegen Matthias Wegner (pikanterweise lange Zeit verlegerischer Beisitzer der BPS) Methode habe, mag das nähren. Zu beweisen ist er nicht. Eher wohl, daß ein abschreckendes Exempel statuiert werden soll, so ganz im Stil der 'neuen Zeit'.  
Weh' dem, der da nicht weiterdenkt! - Wer garantiert mir, daß der Verleger, der heute nur wegen Verbreitung von Pornographie vor Gericht steht, nicht schon morgen wegen einer Aufklärungsschrift zum Volkszählungsboykott verurteilt wird? Es sei denn, er unterläßt - prozeßgewarnt - das Verlegen derart umstrittener Texte lieber ganz.  
Kurzum: Es geht im Gerichtssaal von Schwarzenbek nicht nur um Fragen der literarischen Freiheit.  
Gern glaube ich, daß daran die Moralapostel vom Jugendschutztrupp Geesthacht und Lauenburg keine Sekunde dachten, als sie in einem Supermarkt-Buchständer den »Rosa Autostop« entdeckten und empört zur Anzeige schritten. Das Gericht jedoch sollte daran denken - Pornographie hin, Pornographie her! Denn was ist die schon anderes als ein Reflex auf die sexuelle Not in unserer Gesellschaft. Solange Bedarf an Pornographie besteht, ist es kurzsichtig und kleinlich, die zu bestrafen, die diesen Bedarf befriedigen, ohne nach den Verhältnissen zu fragen, die ihn produzieren. Einfacher gesagt: Jede Gesellschaft hat die Pornographie, die sie verdient. Und die ist im Falle der unseren in der Regel weitaus schlimmer als alle indizierten ropopo-Bände zusammen, von denen keiner dazu angetan ist, Jugendliche sexuell und sozialethisch zu desorientieren oder gar - was das Schlechteste nicht wäre - sexuell zu erregen.  
Denn vor der »falschen Lust« steht die Leseleistung, und die bringen Jugendliche kaum, wenn sie es andernorts einfacher haben können. Und das ist kein Problem. Jeder Bahnhofskiosk versorgt sie mit einschlägigem Bildmaterial; mit etwas Glück kommen sie in den Genuß des einen oder anderen Videofilms; den Rest besorgen Pam-Kino-Aushänge, Kontaktanzeigen in Tageszeitungen, als Aufklärer getarnte »Bravo«-Pornos und der Zufall.  
Na und! Warum sollte in einer Gesellschaft, in der von A bis Z, vom Abgeordneten bis zum Zeugungsakt, alles käuflich ist, wenn man nur genug Geld hat, gerade Sex unter Verschluß gehalten werden? Pornographie ist eine Ware wie jede andere. Die sie vertreiben, wissen das, auch Rowohlt. Erst ihr Verbot macht sie begehrenswert. Und überdies legt es die Vermutung nahe, daß es mit unserer Moral nicht weit her sein kann, wenn sie Grenzüberschreitungen so sehr fürchten muß.  
Die munteren Drittklässler in der U-Bahn, die kichernd »Schieben, Schlecken, Action - Satisfaction« deklamieren, sind mir allemal lieber, weil ehrlicher und ungefährlicher, als Kanzler Kohl und sein doppelzüngiges Geseire von der »Wende der Moral«. Es gehört schon einige Chuzpe dazu, das Ja zur Nachrüstung zur »moralischen Position« zu erklären und gleichzeitig die liberale Handhabung der sozialen Indikation beim §218 unmoralisch zu nennen. Derart definierte »moralische Grundwerte« haben mit Moral nun wirklich nichts mehr zu tun; für sie wurde das schöne Wort »Doppelmoral« geprägt.  
Das rechte Wort zur rechten Zeit. Zur rechten Zeit der rechte Prozeß.  
Ein absurder Prozeß, in dem Richter Schöffen und Staatsanwältin in literaturwissenschaftliche Debatten gezwungen werden, von denen sie kaum etwas verstehen, ein Prozeß, so absurd wie die Wirklichkeit, der er entstammt. Gerade darum is t er so wichtig. Am 1. Juni wird das Urteil gefällt. Bis dahin werden zur Frage der Jugendgefährdung die Sexualwissenschaftler Prof. Helmut Kentler und Prof. Gunter Schmidt gesprochen haben. Daß das von Bedeutung für die Urteilsfindung sein wird, ist nur zu hoffen.  
Das letzte Wort in diesem Verfahren ist damit sicherlich nicht gesprochen. Drum: Auf ein Neues in der nächsten Instanz...