Konkret 06/83, S. 92  
Kraft Wetzel  
Linksherum?  
»Catch your Dreams« heißt der Porno von Moritz Boerner, der mit großem Erfolg in den Programmkinos läuft. Ein Film ohne Drehbuch und Regie, ohne Porno-Profis, sondern mit Leuten, die Spaß am Sex zeigen und die Szenen später kommentiert haben. Doch das Dilemma bleibt: auf der Leinwand ist Vögeln kein abendfüllendes Thema.  
Porno im Programmkino? Haben die zahlreichen Szene-Kinos, bei denen zur Zeit »Catch your dreams ... « für volle Kassen sorgt, den letzten Rest an kulturpolitischer Ambition, an kritischem Schamgefühl über Bord geworfen? Kommen auch diese Kinos jetzt aufs Niveau öffentlicher Bedürfnisanstalten herunter?  
Der Film, der manche linken Kritiker zu solchen Fragen provoziert, zeigt eine Gruppe von jungen Leuten, die in einem Schloß eine Woche lang nach Herzenslust vögeln - und sich dabei von der Kamera zusehen lassen. Den Kinogängern geboten wird Sex in vielerlei Variationen , Schwänze, Brüste, Mösen zuhauf und sonst (fast) nichts. Ist das also ein pornographischer Film?  
Vor Jahren bin ich, nicht nur zu Studienzwecken und den hohen Eintrittspreisen und der Bordell-Atmosphäre zum Trotz, in Pornokinos gegangen, um mir »hard-core«-Filme anzuschauen. Der Unterschied zwischen Porno- und Sex-Filmen, zwischen soft- und hard-core-Porno ist, das begriff ich nach und nach, daß in hardcore-Filmen wirklich gevögelt wird. In soft-core-Filmen, die deshalb in »normalen« Kinos laufen, wird nur so getan, wird der Akt nur indirekt gezeigt: Quietschende Bettfedern und ekstatisches Stöhnen, verdrehte Augen und flatternde Zungen sollen ihn vortäuschen. Als Beweis dafür, daß in hard-core-Filmen wirklich vor unseren Augen gevögelt wird, gibt es dort »come shots« - auch dies ein Kürzel aus dem lakonischen US-Showbiz-Slang: Kurz vor ihrem Erguß ziehen Pornofilm-Darsteller ihr Glied aus der jeweiligen Körperöffnung und spritzen ihrer Dame den Samen auf den Bauch oder ins Gesicht; die Darstellerinnen tun dann so, als fänden sie das toll, schlabbern aufgeregt oder verschmieren das weißliche Zeug auf ihren Körpern.  
Diese »come shots« waren mir von Anfang zuwider. Daß hier dauernd um des Vorzeigens willen praktiziert werden muß, was sonst nur aus Versehen passiert, und daß die Filme mir das auch noch als das Geilste überhaupt weismachen wollten, empörte mich. Auch wollte mir nicht einleuchten, daß sich die Akteure häufig wie Hochleistungssportler abrackerten in sichtlich unbequemen Stellungen, die offenbar nur deshalb zustande kamen, weil der Kameramann einen möglichst freien Blick auf Schwanz und Möse haben mußte.  
Schließlich fiel mir auf, daß ich die meisten Darsteller nicht attraktiv finden konnte, daß sie sich offenbar gegenseitig auch nicht mochten; deshalb ließ mich ihre Sexualakrobatik kalt, wurde sie schnell langweilig. Nach ein paar Versuchen sah ich mir denn auch keine Pornos mehr an.  
Unbeschadet von diesen tristen Seh-Erfahrungen blieb aber der Wunsch, der mich in diese Kinos hatte gehen lassen: Sex so zu sehen zu bekommen, wie ich ihn mir in einsamen Stunden für mich selber ersehnte. Was mir da vorschwebte, war keine Donnerstagnacht mit dem vertrauten Weib, sondern Sex als kühnes Abenteuer, als genießerisches Vagabundieren auf unerschlossenem Terrain, als freier Fall in noch unbekannte Möglichkeiten.  
Auch Moritz Boerner hat sich Pornofilme angeschaut, auch ihn enttäuschte ihre Gefühlskälte, das Mechanische an ihnen. Mit »Catch your dreams ... « hat er versucht, einen Film zu drehen, wie er ihn sich bei seinen Abstechern ins Pornokino gewünscht hatte, ohne »come shots«, ohne Akrobatik, ohne Vorzeige-Krampf.  
Den jungen Leuten in seinem Film sieht man an, daß sie keine entfremdete Arbeit verrichten, daß sie nicht primär für die Kamera, sondern für sich und aus Lust und Sympathie füreinander vögeln. Ihre erotischen Wünsche und Phantasien leben sie genießerisch und hemmungslos aus, verlieren sich manchmal darin und ineinander, flippen aus. Einmal vorbehaltlos, von morgens bis abends, dem Sex, den sinnlichen Begierden leben zu können: daß es möglich ist, diese hedonistische Utopie auszuleben, daß wir uns dabei von Konvention und Tabu nicht aufhalten lassen brauchen und daß wir dazu nicht wie Robert Redford aussehen oder Mick Jagger sein müssen, darauf insistiert dieser Film und damit hat er recht.  
Einen »anspruchsvollen erotischen Film« hatte Boerner den Anlegern versprochen, die er durch Zeitungsannoncen gesucht und gefunden hatte; ein Bauer aus Wörishofen und ein Hamburger Kaufmann haben diese knapp 250.000 Mark billige Produktion finanziert. Mit den Pornofilmen, von denen Boerner sich absetzen wollte, hat sein Film bei näherer Betrachtung dennoch mehr gemein, als ihm lieb sein kann.  
Zunächst ist da der mir aus Pornos geläufige Nummern-Kanon, dem auch »Catch your dreams ... « folgt: Man bekommt beispielsweise eine masturbierende Frau, ein lesbisches Paar, einen Mann mit zwei Frauen zu sehen - aber keinen masturbierenden Mann, kein homosexuelles Paar, keine Frau mit zwei Männern. Was das Primat einer eindeutig männlichen, stramm heterosexuellen Libido gefährden könnte, wird wie im konventionellen Porno ausgespart - oder lächerlich gemacht: Die einzige komische Figur in diesem Lust-Schloß ist eine Tunte.  
Boerner akzeptiert diese Kritik, erklärt sich aber für nicht zuständig; Regie habe er so wenig geführt wie ein Drehbuch geschrieben; seinen aus dem Bekanntenkreis und durch Anzeigen rekrutierten Darstellern habe er freie Hand gelassen, ihre eigenen Phantasien mit selbst mitgebrachten Requisiten auszuleben. Wenn das stimmt, dann läßt uns die Abfolge der Paarungen, der szenischen Arrangements in diesem Film ahnen, in welchem Maße die sexuelle Phantasie auch in unseren Kreisen - und aus denen stammen die Akteure, die Filmemacher - kolonialisiert ist, wie fest die pornographischen Denkformen ihrer Herrschaft in einer Sphäre verankern konnten, die von der Linken ja lange Zeit nicht weniger zwanghaft aus der öffentlichen Erörterung ausgegrenzt wurde als von der politischen Reaktion.  
Mit einer älteren, als Aufklärungsfilm getarnten Variante des Sexfilms hat dieser die Anstrengung gemein, Sex durch dick, aufgetragene Musik zu überhöhen, künstlich zu schönen. Boerner will Sex nicht nur einfach zeigen, er will ihn feiern. Deshalb bekommen wir von der einwöchigen Drehzeit im Schloß auch nur die schönen, die ekstatischen Augenblicke zu sehen, fast nichts von den Spannungen, nichts von den Enttäuschungen, die es in dieser zufällig zusammengewürfelten Gruppe auch gegeben haben wird. In den Kommentaren aus dem Off kommen zudem nur solche Mitwirkenden zu Wort, die diese Woche genossen, als Erfüllung langgehegter Träume empfunden haben. Boerner will uns »the joy of sex« predigen, und wie jeder, der sich allzu sehr ereifert, weckt er unser Mißtrauen.  
Uneingeschränkt wohl war mir beim Hinschauen auch nicht: Denn der Blick der Kamera, der zu unserem wird beim Blick auf die Leinwand, ist allzu häufig ein pornographischer Blick, ein Blick, der danach giert, möglichst nahe heranzukommen ans Zentrum der action, ein Blick, dessen Fluchtpunkt das in der Möse verschwindende Glied ist. Doch gerade in den Großaufnahmen der Mösen und Schwänze setzt sich der pornographische Blick durch: je näher er seinem Ziel kommt, desto mehr verflüchtigt er sich. Was ein Pornofilm letztlich zeigen müßte - Lust, Gier, Genuß, Befriedigung - ist nicht vorzeigbar, weil physisch nicht zu fassen, vollzieht sich - wenn überhaupt - hinter den geschlossenen Augen der Akteure. Der Anblick der Hautfalten und Schwellkörper von Leuten, die wir nicht sehen, geschweige denn mögen und zu begehren Gelegenheit hatten, ist ungefähr so anregend wie der jener Lehrfilme über Geschlechtskrankheiten, mit denen uns in der Schule der Spaß am Sex ausgetrieben werden sollte.  
Überhaupt ist Sex, auch in diesem Punkt hat »Catch your dreams ... « Teil am Dilemma seines Genres, als Kino-Stoff nicht abendfüllend. Denn, um eine Formulierung von Carmen Capezzoli zu variieren: schneller als gedacht hat sich herausgestellt, daß sich vorn Ficken an sich sowenig zeigen läßt wie von einem Gewitter, wo es bekanntlich auch immer nur blitzt, donnert und dann regnet. Der Anblick von Sex an s ich, als Verrichtung irgendwelcher uns gleichgültig bleibender Leute wird schnell langweilig. Auch »Catch your dreams ... « könnte uns nicht bei der Stange halten, wenn uns nicht wenigstens einige der Akteure durch ihre Kommentare zu den Dreharbeiten und dem fertigen Film näherkämen, sympathisch würden; die Worte -aus dem Off rührten mich jedenfalls mehr als all die gierenden Großaufnahmen.  
Wie sollen wir uns als Linke zu diesem Film, zu seinem enormen Erfolg in unserem Milieu verhalten? Sollen wir einstimmen in die hämische Polemik der »Frankfurter Rundschau«, die auch die Schaulust der Besucher denunziert? Wie »normale« Pornos sei dies ein Spekulationsprodukt, nur linksherum gewirkt: Was ist daran »spekulativ«, daß einer so lustvollen Sex zeigt, wie viele unter uns ihn gerne sehen mögen? Spekulativ sind Filme, die vorhandene Bedürfnisse bloß ausbeuten statt sie zu befriedigen; »Catch your dreams ... « dagegen zeigt, was er verspricht, betrogen kann sich keiner fühlen.  
Meine politische Kritik an diesem Film setzt an seinem feudalistischen Ambiente an, daran, daß sich seine Akteure in einem luxuriösen Schloß(-hotel) tummeln. Ein progressiver Film dürfte die Verwirklichung erotischer Sehnsüchte nicht im Reservat einer solchen Ausnahmesituation belassen, er müßte sie gegenüber unseren Lebensverhältnissen, unserem Alltag einklagen. Er müßte im Namen dieser Sehnsüchte zur Veränderung, zur Bereicherung unserer Lebenspraxis anregen, und er könnte das, indem er »Geschichten erzählen würde, in denen 'auf eine ebenso berauschend alltägliche Weise gevögelt wird wie gegessen, getrunken, gekämpft und gearbeitet'« (Carmen Capezzoli).  
Das zentrale Dilemma mit noch dem denkbar besten Pornofilm ist schließlich, daß da nur gevögelt wird. Damit antwortet er freilich nur auf einen Mangel, den die anderen Filme erzeugen, indem sie alles andere zeigen, nur das nicht. Das Ende der Pornographie waren Filme, in denen Sex dasselbe Recht hätte wie in unserem Leben, mit derselben Selbstverständlichkeit und Direktheit dargestellt werden würde wie ein Gespräch im Lokal oder eine Fahrt mit der U-Bahn.  
Im Hamburger »Abaton«-Kino lief dieser Film acht Tage lang, dann beschlagnahmte ihn die Staatsanwaltschaft. Das jetzt anhängige Verfahren wirft ein Schlaglicht auf eine Rechtslage, die in ihrer bauernschlauen Doppelmoral -selbst in unserem Rechtsstaat seinesgleichen sucht: Pornographische Filme zu machen, ist legal, sie vorzuführen auch, untersagt ist jedoch, sie »entgeltlich« vorzuführen .... solange der Eintrittspreis nicht »überwiegend für sonstige Leistung« erbracht wird; deshalb bekommt man in Pornokinos zur Eintrittskarte ein paar Schnapsfläschchen oder Bierbüchsen. Unter dem Vorwand, »die im Einklang mit den allgemeinen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstands« (Beschlagnahme-Wortlaut) zu schützen, haben unsere Gesetzgeber also die Interessen des Porno-Geschäfts aufs Wundersamste mit denen der Getränkeindustrie harmonisiert. Da »Abaton«-Chef Grassmann den Film nicht für pornographisch hält und sich weigerte, Getränke mitzuverkaufen, wurde der Film bei ihm eingezogen. Die anderen Programmkinos halten sich an die Spielregeln und wurden bislang nicht behelligt. Solange es ein Bier oder ein Fläschchen Schampus dazu gibt, is' bei uns eben - hicks - alles legal, jawoll!