Konkret 06/83, S. 88  
Günter Grass  
Zum Widerstand bereit sein  
Der Schriftsteller Günter Grass beantwortet Fragen zum Ost-West-Dialog, zur Nachrüstung, zur parlamentarischen Demokratie und zu seiner Rolle in der SPD  
KONKRET: Herr Grass, auf den Friedenstreffen der Schriftsteller, zu deren Zustandekommen Sie beigetragen haben, wurden weltpolitische Urteile gefällt. Sie selbst haben zuletzt in Berlin die Vorschläge der Sowjetunion zu den Genfer Verhandlungen begrüßt und die Atomrüstungspolitik der US-Administration heftig kritisiert. Das schien neu - bisher war die Schuld immer gleichmäßig auf »die Supermächte« oder »die Blöcke« verteilt worden. Und dann, plötzlich, sagen Sie wieder: »Und doch wünsche ich mir eine vergleichbare Entschiedenheit der Schriftsteller aus der DDR.« Entschieden in umgekehrter Richtung? Gegen die von Ihnen begrüßten Vorschläge der sowjetischen Regierung?  
Grass: Es gibt ja andere Anlässe, kritisch zu sein - sei es das Verhalten der Sowjetunion in Afghanistan, sei es die Rolle, die die Sowjetunion den Veränderungen in Polen gegenüber gespielt hat und immer noch spielt. Wahrgenommen hat das eigentlich nur der ungarische Schriftsteller Konrad. Es gab auch eine Reihe von DDR-Schriftstellern, die sich kritisch geäußert haben. Aber es gab auch etwas, was es im Westen nicht gibt: eine blinde Linientreue, die eigentlich mit der Rolle des Schriftstellers nicht zu vereinbaren ist. Nicht nur mir, mehreren kam es wohl darauf an, mal darauf hinzuweisen, daß wir in erster Linie dort als Schriftsteller argumentieren, daß wir nicht dazu aufgerufen sind, bestimmte Regierungspolitik, die eine wie die andere, zu vertreten.  
KONKRET: Die Schriftsteller verstehen sich ja als Teil einer blockübergreifenden Friedensbewegung. Ist das nicht ein großes Mißverständnis. Geht es Ihren Kollegen aus der DDR, die kritisch zu ihrer Regierung stehen, nicht um ganz andere Themen als etwa den 300.000 auf den Bonner Rheinwiesen? Also nicht um die aktuelle Gefahr eines Atomkrieges, sondern um innergesellschaftliche Probleme wie Wehrkunde und Wehrdienstverweigerung?  
Grass: Ich glaube schon, daß die Grundstimmung der Friedensbewegungen hier wie dort vergleichbar ist. Aber ich finde es nicht überraschend, daß die Friedensbewegungen durch den jeweiligen Druck geprägt sind, die ihre Gesellschaftsordnung auf sie ausübt. Wenn deutlich wird, daß die USA dabei sind, in Zentralamerika einen zweiten Vietnamkrieg zu eröffnen, wird das in der westlichen Friedensbewegung eine größere Rolle spielen als in der DDR. Dort ist natürlich Polen näher und der Wehrkundeunterricht und die Schwierigkeit, den Wehrdienst zu verweigern.  
KONKRET: Und es ist für die dortige Friedensbewegung schwieriger, ihrer Regierung oder der sowjetischen vorzuwerfen, sie strebe atomare Überlegenheit an oder plane den begrenzten Atomkrieg?  
Grass: Ja, sicher. Das war übrigens auch die Beurteilung der Autoren, die sich kritisch ihrer eigenen Regierung gegenüber äußerten, wie zum Beispiel Günther de Bruyn. Gerade deshalb könnte die Regierung der DDR einer Friedensbewegung in ihrem eigenen Land gelassener gegenüberstehen als sie es tut.  
KONKRET: Von sich haben -Sie in Berlin gesagt: »Ich gehöre zum Westen.« Was heißt das?  
Grass: Das ist erst einmal der Zufall, daß ich mich nach 1945 hier fand. Dann ist es eine Entscheidung für das System der parlamentarischen Demokratie, die ich für veränderbar halte...  
KONKRET: Sie ist gerade dabei, sich zu verändern...  
Grass: Ich wäge dieses System ab gegenüber anderen Systemen im Ostblock, die Veränderungen genauso nötig hätten, die sich aber als unfähig erweisen, diese Veränderungen vorzunehmen. Weil ich mich so entschieden habe, fühle ich mich auch mitverantwortlich, wenn im Namen des Westens, federführend von den USA, zur Zeit eine Politik gemacht wird, die ich für verbrecherisch halte: Die Behauptung eines atomaren Erstschlagsrechts, das Anstreben atomarer Übermacht und Konzepte, wie man Nuklearkriege begrenzen und gewinnen könnte. Davon bin ich betroffen, und dafür fühle ich mich mitverantwortlich.  
KONKRET: Auch parlamentarische Demokratien sind also fähig, verbrecherische Politik zu betreiben?  
Grass: Das ist in Vietnam bewiesen worden. In der Schlußphase des Vietnamkrieges wurden die Kriterien erfüllt, die in Nürnberg dazu geführt haben, Kriegsverbrechen zu benennen. Deshalb bin ich nicht bereit - oder nicht mehr bereit, das habe ich lernen müssen - zu sagen, daß Demokratie davor schützt, Regierungen zuzulassen, die zu Kriegsverbrechen fähig sind.  
KONKRET: Dennoch ist für Sie das System der parlamentarischen Demokratie das Optimale?  
Grass: Bis jetzt ist mir noch kein besseres begegnet.  
KONKRET: Also getreu dem Churchill-Wort, dies sei eine schlechte Regierungsform, aber alle anderen seien noch schlechter?  
Grass: Als Grundlage kann man das akzeptieren, aber nicht als Beruhigung. Mein Verständnis von Demokratie geht über das Formale hinaus, für mich als demokratischer Sozialist gehört das Soziale dazu.  
KONKRET: Nun hat die Partei des »demokratischen Sozialismus« 13 Jahre lang in diesem Staat den Kanzler gestellt und die Richtlinien der Politik bestimmt. Dann hat die Mehrheit der Wähler einer Koalition die Macht gegeben, die all die sozialen und auch außenpolitischen Errungenschaften dieser Jahre liquidieren will. Kommen einem, der wie Sie dreizehn und mehr Jahre auf seine Weise mitgearbeitet hat, da nicht Zweifel an der Sinnfälligkeit dieses politischen Systems? Oder nimmt man das einfach so hin, weil man auch verlieren können muß?  
Grass: Das ist eine bittere Erfahrung, aber mit dieser Erfahrung war zu rechnen. Das Ende der sozialliberalen Koalition war seit ein, zwei Jahren abzusehen- wie es dann dazu gekommen ist, das war ein häßlicher Vorgang, der auch noch Folgen haben wird. Ich glaube, daß der deutsche Liberalismus dabei einen Schaden genommen hat, der nicht mehr auszugleichen sein wird.  
KONKRET: Der deutsche Liberalismus hat zu allererst alle politischen Schweinereien der deutschen Politik von Bismarcks Sozialistengesetz über die Kriegsziele im Ersten Weltkrieg bis zu Hitlers Ermächtigungsgesetz mitgemacht.  
Grass: Er hat nicht nur Schweinereien zu verantworten, er hat auch andere Traditionen. Es hat immer einzelne oder Gruppen gegeben, die diese Schweinereien nicht mitgemacht haben. Auch diesmal haben wir erlebt, daß ein Drittel die Partei verlassen hat. Was aber die Wende angeht: Es ist bitter, aber auch ein Stück komisch, daß für manch einen Linken, dem die sozialliberale Politik immer nicht links genug gewesen ist, jetzt deutlich werden wird, was er verliert. Erst der Verlust wird die Leistung erkennbar machen. Andererseits bin ich, was insbesondere die Sozial- und Deutschlandpolitik anbetrifft, nicht allzu pessimistisch. Eine Wende, wie sie gewiß manche vorhaben, muß erstmal praktiziert werden. Selbst dafür braucht es Substanz. Um Adenauer im Rückwärtsgang wieder erreichen zu können, muß man auch ein Stück Adenauer in sich haben. Ich sehe weit und breit keinen bei der CDU, der auch nur annähernd ein Stück der Substanz hätte, die ein Adenauer gehabt hat.  
Ich hätte überhaupt nichts gegen einen Wechsel nach 13 Jahren gehabt, wenn auf der anderen Seite eine moderne konservative Partei stände, keine reaktionäre, keine, die sich mit den schon gescheiterten Rezepten aus den USA und England in die fünfziger Jahre retten möchte. Das halte ich für trostlos.  
KONKRET: Sie sind nach der Wahlniederlage spontan in die SPD eingetreten. Aus Trotz?  
Grass: Es war demonstrierte Solidarität und die Erkenntnis, daß nun eine längere Zeit in der Opposition folgen wird und daß diese Zeit genutzt werden muß. Es wird ein Generationswechsel stattfinden. Die Generation, die. nach meiner kommt - ich nenne mal Oskar Lafontaine -, muß jetzt mit in die Verantwortung hineingezogen werden. Und es muß die Zeit genutzt werden, ausgehend vom Godesberger Programm, Revision zu betreiben, im Sinne eines demokratischen Sozialismus. Es müssen Fragen radikal gestellt werden, die in dem einen oder anderen Fall nur radikale Antworten finden können. Der gesamte Begriff Arbeit muß neu definiert werden, mit allen Konsequenzen. Dieser enge Begriff von Arbeit im Verbund mit Fortschritt, wie wir ihn aus dem 19. Jahrhundert kennen, ist grundsätzlich in Frage gestellt.  
KONKRET: Und dazu soll die SPD fähig sein? Sie nennen den Namen Oskar Lafontaine, und der erklärt gerade, daß er im Herbst aus der SPD austreten wird, wenn die Partei der Nachrüstung zustimmt.  
Grass: Der Eintritt in eine Partei ist nicht gleichzusetzen mit einem Beitritt zur Allianz Lebensversicherung. Es ist mir doch klar, daß für die SPD schwierige Zeiten kommen werden. Alle, die sich nicht darauf beschränken wollen, Posten neu zu verteilen, sondern die verlangen, daß nachgedacht und Konsequenzen gezogen werden, bis ins Programm hinein, die werden Schwierigkeiten bekommen.  
KONKRET: Eine Forderung an Ihre Partei haben Sie schon formuliert: Neue Definition des Begriffs Arbeit. Was meinen Sie damit?  
Grass: Der Begriff von Arbeit mit der nahezu ausschließlichen Möglichkeit, sich durch sie zu definieren, ist ja neueren Datums. Er ist durch Renaissance, Reformation, Aufklärung auf uns zugekommen, und wir haben ihn mitsamt dem Begriffsapparat von Fortschritt und Vernunft akzeptiert und sind nun an die Grenzen gelangt. Wären jetzt nicht verschüttete oder nie geprobte kreative Möglichkeiten im einzelnen gefragt - als Ergänzung zu dem, was von Arbeit noch übrigbleiben wird?  
KONKRET: Die Diskussion über einen neuen Begriff von Arbeit kommt ja nicht zufällig gerade zu einem Zeitpunkt auf, wo zweieinhalb Millionen in der Bundesrepublik arbeitslos sind.  
Grass: Es hat nichts mit der Zahl zu tun, sondern wir haben eine andere Art von Arbeitslosigkeit. Selbst bei einem wirtschaftlichen Aufschwung würde die Arbeitslosigkeit nicht nur bleiben, sondern strukturell wachsen.  
KONKRET: Was heißt »wir haben«? Diese Arbeitslosigkeit ist das Resultat von Verhältnissen, in denen wenige Privateigentümer von Produktionsmitteln darüber entscheiden, wer einen Arbeitsplatz bekommt und wer nicht. Als wäre nicht genug zu tun, um alle arbeitsfähigen Menschen in diesem Staat sinnvoll zu beschäftigen.  
Grass: Das weiß ich nicht, ob es möglich wäre, sie sinnvoll zu beschäftigen. Sollen wir, um zu beweisen, daß es keine Arbeitslosen gibt, uns an Konzepte anhängen, die im Ostblock praktiziert werden, wo eine latente Arbeitslosigkeit verdeckt wird durch solche Beschäftigungsprogramme.  
KONKRET: Latente Arbeitslosigkeit? Wir hören von dort nur Klagen über Arbeitskräftemangel.  
Grass: Wenn die ihre Wirtschaft zum rationellen Arbeiten bringen wollen - und sie werden sie dazu bringen müssen -, dann werden sie zu ähnlichen Problemen kommen.  
KONKRET: Welche Rolle werden Sie in der SPD spielen wollen? Die eines offiziellen Beraters, gar die eines Mandatsträgers, oder die des ersten teilnehmenden beobachtenden Schriftstellers?  
Grass: Ich glaube, daß ich in erster Linie Schriftsteller bleiben werde, und da in all meine Bücher auch immer die Realität Eingang gefunden hat, die sich als politische zu erkennen gibt, wird das auch zu meiner Rolle gehören. Aber ich bin auch mit Carola Stern, Heinrich Böll und anderen Mitherausgeber von »L 80«, einer Zeitschrift, die sich für den demokratischen Sozialismus erklärt, und von dieser Zeitschrift her gibt es die Möglichkeit, in die Partei hineinzuwirken und mitzuarbeiten. Wir haben als eines der ersten Arbeitsvorhaben jetzt zu Pfingsten einen Kongreß in Saarbrücken gehabt, zum Thema »Die Zukunft des demokratischen Sozialismus ... «  
KONKRET: Darüber kann man auch nur noch an Pfingsten reden...  
Grass: ... wobei wir auch mit aufgreifen, was es an Impulsen aus dem Ostblock gegeben hat. Es sind bei diesem Kongreß auch Jiri Pelikan und andere, auch einige Polen.  
KONKRET: Das klingt so, als ging es bei dem Kongreß mal wieder vor allem um die Frage: Wie schaffen wir den demokratischen Sozialismus in Osteuropa? Die Impulse aus dem Ostblock gingen von einer grundsätzlich anderen Basis aus: Der Privatbesitz an Produktionsmitteln ist dort abgeschafft.  
Grass: Der Staatskapitalismus des Ostblocks schafft noch undurchschaubarere Abhängigkeiten als unser Privatkapitalismus. Mit der Umschreibung von Eigentumstiteln von Privaten auf den Staat ist noch nichts getan.  
KONKRET: Die Beseitigung der privaten Verfügungsgewalt über Produktionsmittel bleibt aber Voraussetzung für jede Art von Sozialismus, oder?  
Grass: Ja, gut, aber der demokratische Sozialismus muß jetzt endlich einmal den Begriff »Vergesellschaftung der Produktionsmittel« inhaltlich auffüllen. Das muß geleistet werden, wenn damit nicht bloße Verstaatlichung gemeint sein soll.  
KONKRET: Sie haben in letzter Zeit öfter in Bezug auf die Situation in der Bundesrepublik das Wort Widerstand gebraucht. Was bedeutet das für Sie?  
Grass: Ich halte die Stationierung von Mittelstrecken-Raketen in der Bundesrepublik für durch nichts vertretbar, auch nicht durch das Konzept des »Wir müssen gleichziehen«, selbst wenn das stimmen würde. Diese Waffen kann ich nicht mehr als Waffen einstufen. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß mich nichts von der Pflicht zum Widerstand dagegen freisprechen würde - auch eine parlamentarische Mehrheit für die Stationierung dieser Raketen nicht.  
KONKRET: Was ist das für ein Widerstand?  
Grass: Ich bin nur in der Lage, gewaltlosen Widerstand zu leisten und werde mich da den Leuten anschließen, die schon länger darüber nachgedacht haben, wie man Widerstand entwickelt. Ich bin kein Pazifist. Wäre die Verfassung dieses Landes bedroht, würde ich auch andere Formen des Widerstands unterstützen.  
KONKRET: Sind Blockaden von Raketen-Transporten und ähnliches für Sie gewaltloser Widerstand?  
Grass: Ja.  
KONKRET: Der zuständige Staatssekretär im Bonner Innenministerium, Herr Spranger von der CSU, hält das aber schon für sehr gewalttätig.  
Grass: Das ist seine Meinung.  
KONKRET: Kann der Widerstand Erfolg haben?  
erneut Schon eine wachsende Bereitschaft dazu wird Erfolge zeigen. Ohne das deutlich erkennbare Wachsen der Bewegung gegen die Volkszählung wäre es nicht zur Aussetzung dieses Verfahrens gekommen. Ich halte das nahezu für einen Triumph demokratischer Möglichkeiten. Vergleichbares sollte die Friedensbewegung anstreben, denn sie hat eine breite Basis in der Bevölkerung.  
KONKRET: Was erwarten Sie von der Partei, der Sie jetzt angehören?  
Grass: Das mindeste, was ich erwarte, ist, daß die SPD ihren Mitgliedern freistellt, sich am Widerstand gegen die Stationierung zu beteiligen. Und daß sie Konsequenzen aus dem Doppelbeschluß der Nato zieht - denn für mich und für viele Sozialdemokraten ist doch sehr deutlich geworden, daß der sich abzeichnende Mißerfolg der Genfer Verhandlungen weitgehend auf das Konto der Vereinigten Staaten geht. Und damit ist die erste Bedingung des Doppelbeschlusses nicht erfüllt. Ich denke, die SPD wird das auf ihrem nächsten Parteitag mit Mehrheit sehen.