Konkret 06/83, S. 78
 
Kulturnotizen
 
Die Feuilletonschlampen.  
Ein Zitat und seine Rezitatoren  
»Zu Hitler fällt mir nichts ein.« Mit diesem Satz beginnt Karl Kraus' »Dritte Walpurgisnacht«, die 1933 geschriebene, 280 Seiten lange Hinrichtung der nationalsozialistischen Unkultur. In einer Arbeit über dieses Werk hat der Germanist Jochen Stremmel* à propos des angeführten Zitats das Analphabetentum im bundesdeutschen Feuilleton dokumentiert:  
Moritz Lederer in der »Deutschen Rundschau«:  
»Zu Hitler fällt mir nichts ein« - auch dies notierte, »da die Erde krachte«, derselbe Karl Kraus, dem zum Ersten Weltkrieg das überdimensionale Drama »Die letzten Tage der Menschheit« eingefallen war.  
Otto F. Beer in der »Zeit«:  
Daß ihm »zu Hitler nichts einfiel« und seine Stimme immer dünner klang, je bedrohlicher sich die Apokalypse des Dritten Reiches entwickelte, ist oft erörtert worden.  
Hermann Kesten:  
(Karl Kraus), dem zu Hitler leider »nichts mehr einfiel«.  
Hans Habe:  
Der Zweiundsechzigjährige, dem vierzig Jahre lang zu allem und jedem etwas eingefallen war, stand erstarrt vor dem Phänomen Hitler, zu dem ihm, wie er selbst bekannte, »nichts einfiel«.  
Bodo Scheurig im » Vorwärts«:  
Als der Mann im Braunhemd und mit der Stirnlocke immer ohrenbetäubender trommelte, da entrang sich dem Meister der Sprache lediglich ein Satz: »Mir fällt zu Hitler nichts ein.«  
Fritz J. Raddatz:  
»Zu Hitler fällt mir nichts ein« (Kraus), ist kein Bonmot, ist eine Bankrotterklärung.  
Anonymer Autor im »Stern«:  
Aber Kraus fiel zu Hitler nichts mehr ein...  
Erich Gottgetreu in der »Allgemeinenjüdischen Wochenzeitung«:  
»Zu Hitler fällt mir nichts mehr ein«, erklärte er resigniert.  
Pankraz (das ist: Günter Zehm) in der » Welt«:  
»Zu Hitler fällt mir nichts mehr ein«, schrieb Karl Kraus kleinlaut im Jahre 1933.  
Johannes Gross in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«:  
Der treffliche Karl Kraus, dem zu einem falschplazierten Komma alles einfiel und zu Hitler, der ihn und seinesgleichen vernichten wird, nichts, bezeichnet die selbstgefällige Abdankung der Vernunft.  
*Jochen Stremmel: »Dritte Walpurgisnacht - Über einen Text von Karl Kraus«, Bouvier Verlag, Bonn, 243 Seiten, 48 Mark
 
Feine Gesellschaft  
Das kommt davon, wenn Verleger ihre eigenen Produkte nicht lesen. Zum 35. Geburtstag der Münchner Illustrierten »Quick« lobte Verleger Heinz Bauer: »In der redaktionellen Konzeption bekennen wir uns zu einer optimistischen Grundeinstellung. Wir wollen aber keine emotionelle Verzerrung von Tatbeständen, und wir wollen unsere Leser in keine Richtung ideologisch bevormunden. Neben der Unterhaltungsfunktion wollen wir mit der Quick eine Zeitschrift gestalten, die es dem mündigen Bürger erlaubt, sich eine objektive Meinung über die Themen unserer Zeit zu bilden.«  
Telegrafische Glückwünsche zum Geburtstag kamen von den »Quick«-Lesern Kohl, Barzel, Genscher, Renger, Wischnewski, Baum, Möllemann, Warnke, Schneider, Geißler, Schwarz-Schilling, Wörner, Jenninger, Stolze.
 
Der andere Axel  
In Berlin liegen sich die Superintendenten der evangelischen Kirche in den Haaren: Heinz Schladebach, der dieses Amt im Bezirk Reinickendorf versieht, forderte seinen Amtsbruder Dr. Manfred Karnetzki aus Zehlendorf auf, seinen Talar auszuziehen und in die Politik zu gehen. Karnetzki hatte am Ostermarsch der Friedensbewegung teilgenommen und sich in einer Rede auf dem Platz der Luftbrücke gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Europa ausgesprochen.  
Der Briefwechsel ließ auch Verleger Axel Caesar Springer nicht ruhen. Er schrieb am 15. April 1983 an Heinz Schladebach:  
Sehr geehrter Herr Superintendent,  
von Herzen danke ich Ihnen, daß Sie einen politisierenden Amtsbruder aufforderten, den Talar auszuziehen. Mehr als vor jeder Rüstung fürchte ich mich vor dem Abfall von Gott. Mich irritieren viele Theologen, die auf mehr vordergründige Weise den Frieden sichern wollen. Auch der heilige Nikolaus von Flüe wußte um den Wert der Verteidigung.  
So sehr er am Frieden hing, heißt es über ihn, und innerlich mit mancher Fehde nicht einig gehen mochte, so folgte er doch unverzüglich, wenn die Sturmglocken zum Kampfe riefen. Mochte er auch schweren Herzens den Melkeimer einem unmündigen Buben überlassen und Abschied nehmen von seinem friedlichen Herd, er wußte, daß Gehorsam gegenüber der Obrigkeit die wichtigste Grundlage des Staates ist und daß im Kriegsbrand kein Einzelglück bestehen kann, da mit dem ganzen Vaterlande Freiheit, Friede und Wohlstand des einzelnen Bürgers steht und fällt.  
Theologie ist das eine, der Glaube das Größere. Wer wir dieser Gnade teilhaftig? Sind es letztlich die, die der Herr im Gespräch mit Nikodemus beschrieb? (Joh. 3, Vers 3-8). Das fragt einer, der vielleicht intensiver die Bibel liest als politisierende Superintendenten und darum weiß, daß Christus nicht von dieser Welt war und ist.  
In Verbundenheit Ihr Axel Springer
 
Hexenjagd in Hildesheim  
»Aufgrund der vorliegenden tatsächlichen Umstände und unter Abwägung aller dieser Umstände und unter Abwägung Ihrer und der Interessen der Stadttheater Hildesheim GmbH ist eine weitere Zusammenarbeit unzumutbar.«  
So präzise kündigte der Geschäftsführer des Stadttheaters Hildesheim, Pierre Léon, am 23. März 1983 dem drei Wochen vorher eingestellten Pressesprecher und Werbeleiter Jürgen Meier.  
Meier, 33, wurde gefeuert, weil er Mitglied im »Kommunistischen Bund Westdeutschland« (KBW) war. Obwohl er bereits vor Jahren aus dieser Organisation ausgetreten ist, und die Hildesheimer Kulturoberen dies bei seiner Einstellung wußten, drehten sie ihm nach 14 Arbeitstagen einen Strick daraus. Nach bewährtem Muster lief die Kampagne gegen den Öffentlichkeitsarbeiter Meier ab. In der »Hildesheimer Allgemeinen Zeitung« rechtfertigte der Vorsitzende des Stadttheater-Aufsichtsrates, Oberstadtdirektor Dr. von Vietinghoff, die Kündigung: »Die Entscheidung des Stadttheaters ist die einzig richtige und mögliche. Wer in jahrelanger aktiver politischer Tätigkeit den Umsturz unserer freiheitlichen Ordnung propagiert hat, kann nicht die Werbe- und Pressearbeit unserer Stadt gestalten.« Und der die Hildesheimer Gesellschaft stützende Kommentator der Lokalzeitung Hermann Meyer-Hartmann sekundierte: »Es mag sein, daß sich Jürgen Meier vom KBW losgesagt hat. Es ist aber instinktlos, wenn das hochsubventionierte Theater ihn ausgerechnet mit der Aufgabe betreut.«  
Nur Berthold Dücker vom örtlichen Sonntagsblatt »Kehrwieder« versuchte die Ehre der Hildesheimer zu retten: »Wird«, fragte der Journalist, »- denkt man an die Jugendsünden so mancher (auch heute noch hochrangiger) Zeitgenossen unserer NS-Vergangenheit - mit zweierlei Maß gemessen? Tausende von Positionen müßten wohl heute geräumt werden, wollte man jeweils so vorgehen, wie jetzt im Fall Meier.«