Konkret 06/83, S. 38  
Werner Heine  
Wer bläst denn da so falsch?  
Im Konzert zwischen Hamburgs Stromversorger HEW und dem Senat gibt es Dissonanzen - wieder einmal. Die Töne sind dieselben wie vor dem Klose-Rücktritt: Das Kernkraftwerk Krümmel geht noch immer »im nächsten Frühjahr« ans Netz, die HEW halten am Atommeiler Brokdorf fest und der Senat will's alles anders haben.  
Wer zahlt, bestimmt die Musik. Das ist die Grundregel überall dort, wo das Recht auf Eigentum noch was gilt, also andere zum Spielen verpflichtet. Schöner ist jedoch, wenn die Kapelle das Wunschkonzert bläst, und jemand anders zahlt, ohne das Programm ändern zu können. Dieses Stück läuft in Hamburg wie ein Ohrwurm. Der Refrain heißt Brokdorf.  
Vor vielen Jahren beschlossen die in Hamburg regierenden Sozialdemokraten den Ausstieg aus der Kernenergie. Der Stadtstaat bezog damals Atomstrom aus den AKWs Stade und Brunsbüttel, der Meiler Krümmel war seit sechs Jahren im Bau in Brokdorf stand nur der Bauzaun. Der Parteitagsbeschluß der Hamburger SPD entsprach der politischen Lage. In der Wilster Marsch hatten Hunderttausende gegen Brokdorf protestiert, die Jungwähler waren auf dem Weg zu den Alternativen, der Reaktorunfall in Harrisburg hatte offenbart, was von den Sicherheitsbeschwörungen der Atomindustrie zu halten war, die Energiebedarfsprognosen gerieten ins Wanken, der Stromverbrauch stagnierte.  
Dennoch regte sich sofort Widerstand in den eigenen Reihen. Die SPD-Abgeordnete Maring erklärte vor der Hamburger Bürgerschaft, ihre Fraktion denke nicht daran, die AKWs Stade und Brunsbüttel stillzulegen, und die Fertigstellung des AKW Krümmel sei notwendig, »um Hamburgs Energieversorgung sicherzustellen«. Das Argument war damals schon mehr als brüchig. Es beruhte auf den Prognosen derselben Fachleute, die den Zusammenbruch der Stromversorgung für die »Winterspitze 1978/79« angekündigt hatten, wenn Krümmel nicht gebaut würde. Diese Spitze war ein Jahr zuvor problemlos bewältigt worden.  
Die Zweifler an der Glaubwürdigkeit der Atomkraft-Prediger, die vielmehr die Gefahr der Abhängigkeit vom Atomstrom heraufziehen sahen, setzten sich weiter durch. Bis Anfang 1981 hatten Partei wie Senat mit Mehrheit den Ausstieg aus Brokdorf beschlossen, wo inzwischen der Bau begonnen hatte, Krümmel war nun seit zwei Jahren überfällig und wurde immer noch nicht vermißt.  
Die Beschlüsse durchzuführen, hätte einfach sein müssen. Die Strombeschaffung obliegt den Hamburgischen Electricitätswerken (HEW), einer Aktiengesellschaft, deren Anteile zu 72,8 Prozent der Hamburger Senat hält. Überall, wo die Grundregel gilt, gibt in solchen Fällen der Haupteigentümer eine Weisung an den Aufsichtsrat, und die Musik spielt. Nicht so bei den HEW.  
Dort saßen und sitzen im Aufsichtsrat zehn Arbeitnehmervertreter (acht IG-Metaller, zwei DAG-Vertreter), die an die wachstumsfördernde Kraft der Atomenergie glauben. Auf der Bank der Kapitalvertreter sind nur vier Rathausleute an Weisungen des Senats gebunden. Die anderen sechs vertreten die Banken, die Nachbarländer Schleswig-Holstein und Niedersachsen, in denen die AKWs stehen, den AEG-Konzern, der Krümmel mitbaute, und den Siemens-Konzern, der - über die Tochterfirma KWU - Brokdorf baut und Brunsbüttel gebaut hat.  
Der Senat unter seinem damaligen Bürgermeister Hans-Ulrich Klose, versuchte vergeblich, in diesem Gremium die Änderung seiner Energiepolitik durchzusetzen. Die Bemühungen mußten als gescheitert betrachtet werden als der HEW-Betriebsratsvorsitzende Willi Burmester, zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, der »Zeit« in einem Interview erzählte, der SPD-Landesparteitag habe schließlich »nur mit vierzig Stimmen Mehrheit gegen Brokdorf gestimmt«. Außerdem gehöre er zur Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) in der SPD, »und die ist in Sachen Brokdorf ganz anderer Meinung als der Parteitag«.  
Die »Zeit« fragte nach: »Kann sich der HEW-Aufsichtsrat auf Dauer der Politik des Senats und damit der Politik seines Großaktionärs widersetzen?« Burmester: »Nein, das will er auch gar nicht.« - »Zeit«: »Der Senat müßte nur seine Politik ändern?« Burmester: »So ist es.« Das Blatt gab dem Interview die Überschrift: »Brokdorfgegner haben keine Chance«.  
Als der Senat daraufhin überlegte, die 50-Prozent-Beteiligung seiner HEW an Brokdorf durch Anwendung des Energiewirtschaftsgesetzes zu beenden oder notfalls die Firma zu verstaatlichen, verlor Klose in der Bürgerschaft die Mehrheit. Eine starke AfA-Truppe in der Fraktion rebellierte, der Fraktionschef Ulrich Hartmann erklärte Brokdorf zur »Gewissensentscheidung«, ihm gehe es um »die Lebenschance der jungen Generation«. Bürgermeister Klose trat zurück.  
Sein Nachfolger Klaus von Dohnanyi wollte diese Auseinandersetzung vermeiden. Nach seinem Plan sollte sich der Ausstieg aus Brokdorf wie von selbst einstellen, als Ergebnis einer geänderten Energieversorgung durch mehr Fernwärme und neue Kohlekraftwerke. In einem gemeinsam von HEW und Senat verabschiedeten Konzept hieß es 1982 (die Fertigstellung Krümmels war gerade um ein weiteres Jahr auf 1983 verschoben worden), »daß Hamburg auf diese Weise von einem Strombezug aus Brokdorf unabhängig wird«.  
Doch die Erreichung dieses Ziels, so dämmert es mittlerweile dem Senat, ist nicht die Sache der HEW. Und der Eigentümer weiß dabei nicht immer, was sein Versorgungsunternehmen treibt. Offenbar wurde nur, daß zum Beispiel ein umweltfreundliches Kraftwerkprojekt mit Wirbelschichtbefeuerung im geplanten Neubaugebiet Allermöhe scheiterte, weil die HEW den Strom aus diesem Projekt zu teuer befanden. Dagegen erfuhr der Senat, nur hintenrum, was die HEW offiziell bestreiten: Die Electricitätswerke ließen im letzten Jahr 20.000 Wohnungen mit Nachtstromspeicheranlagen ausrüsten. E-Heizungen garantieren Strombedarf in der Zukunft.  
Über ihre Verkaufspolitik lassen die HEW ihren Besitzer traditionell im Dunkeln. Zwar müssen die Tarife von Senat und Bürgerschaft genehmigt werden, und denen wurde in den letzten Jahren einiges zugemutet, denn die HEW arbeiteten sich auf Platz zwei der Rangliste der teuersten Stromversorger vor. Aber über das Geschäft mit der Großindustrie erteilen die HEW keine Auskünfte. Der Senat weiß zum Beispiel nicht, wie hoch der Strompreis für die Hamburger Stahlwerke ist, einen der Großabnehmer in der Stadt. »Wir vermuten«, sagt Energiesenator Jörg Kuhbier, »wissen aber nicht, daß durch ständige Preiserhöhungen für die Kleinen die Großen ihren Strom billiger beziehen können.«  
Nur der Fall Reynolds ist im Rathaus aktenkundig. Um den US-Aluminium-Multi Anfang der 70er Jahre an den Standort Hamburg zu locken, boten Senat und HEW einen 20-Jahres-Vertrag über einen Strompreis von zwei Pfennig pro Kilowattstunde. Aus der Ansiedlung wurde nicht viel. Heute arbeiten beim Reynolds-Nachfolger VAW (Vereinigte Aluminium-Werke) 1.200 Mann. Der Strompreis wurde durch einen gerichtlichen Vergleich auf 2,8 Pfennig erhöht. Die Differenz zu den Stromlieferungskosten - 50 Millionen Mark pro Jahr - zahlen die Hamburger Verbraucher über ihre Stromrechnung mit. Dazu kommen jährlich zehn Millionen an Steuergeldern, die der Staat den HEW zum Ausgleich zahlt. Das sind zusammen 50.000 Mark pro Jahr pro Arbeitsplatz an Subventionen - mehr als die Summe des gezahlten Lohns.  
Der Senat ist auch wehrlos gegen die Absicht der HEW, die geplanten Kohlekraftwerke nur bis zur gesetzlich festgelegten Grenze zu entschwefeln. Das Argument, eine zusätzliche Abgasreinigung sei zu teuer, ist wenig überzeugend. Die HEW sind nach ihrer Satzung zur Versorgung verpflichtet, nicht zur Gewinnmaximierung.  
Zumindest die GAL-Abgeordneten in der Bürgerschaft sind mittlerweile davon überzeugt, daß die Kohlekraftwerkprojekte der HEW auf ein geplantes Scheitern angelegt sind. So soll mitten in der Stadt, am Eimsbüttler Haferweg, ein Kohleriese gebaut werden, der gute Aussichten hat, von der Bevölkerung juristisch verhindert zu werden. Dann wäre Dohnanyis Energiekonzept gefährdet, und Hartmann, inzwischen Chef der Hamburger Gaswerke (HGW), behielte recht. Der soll auf einer HGW-Aufsichtsratssitzung gesagt haben, es müßten so viele Kohlekraftwerke gebaut werden, daß die Bevölkerung nach Kernkraft schreie.  
Anlaß zum Wehklagen bietet aber eher die Atompolitik der HEW. Das AKW Brunsbüttel, ein Siedewasserreaktor der 800-Megawatt-Klasse, an dem die HEW zu 66 Prozent beteiligt sind, macht sich als »Schrottreaktor« einen Namen. Ein Störfall im Juni 1978, bei dem die Bedienungsmannschaft drei Stunden lang radioaktiven Dampf freisetzte, weil sie die Sicherheitsautomatik per Handschaltung »überbrückte«, offenbarte Mängel des Bausystems. Den Schaden, der in einer zweijährigen Reparatur behoben wurde, geben die HEW mit 310 Millionen Mark an. 450 Millionen Mark sollen die noch andauernden Arbeiten kosten, bei denen seit Mitte letzten Jahres alle Rohrleitungen ausgetauscht wurden. Der Preis des Reaktors hat sich damit auf 1,5 Milliarden Mark erhöht.  
Durch die Stillegungszeiten wurde er in seiner siebenjährigen Laufzeit nur zu rund 35 Prozent genutzt, wurden bis jetzt nur 16 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Das heißt, daß bislang für jede Kilowattstunde mehr als neun Pfennig allein für die Anlage ausgegeben wurden. Dazu kommen die Betriebskosten, die Kosten für Stillegung, Wiederaufbereitung und Endlagerung. Wenn Brunsbüttel wieder Strom produziert, senken sich natürlich die Anlagekosten pro Kilowattstunde. Aber über die gesamte restliche Laufdauer ist eine Rentabilität des Reaktors nicht mehr zu erwarten.  
Als Krümmel geplant wurde, rechneten die HEW mit 1,3 Milliarden Mark für diesen 1.300-Megawatt-Siedewasserreaktor, der jetzt ab 1984 Strom liefern soll. Die Systemmängel, die, in Brunsbüttel zur »Nachrüstung« führten, machten in Krümmel Umbauten notwendig, die den Preis auf über drei Milliarden Mark trieben. Trotz dieser Steigerung halten die HEW an ihrer Kalkulation fest: 8,94 Pfennig soll die Kilowattstunde kosten, das rechneten HEW-Vertreter dem Umweltausschuß der Bürgerschaft vergangenes Jahr vor.  
Der Kalkulation liegt eine Modellrechnung des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln zugrunde. In der Rechnung fehlen die Kosten für die Abschreibung auf den Wiederbeschaffungswert und alle kalkulatorischen Risikokosten, ein Fehler, der in jedem kaufmännisch geführten Betrieb zur Entlassung des Buchhalters führen würde. Die Kosten für die Stillegung sind pauschal mit zehn Prozent der Herstellungskosten veranschlagt. Diese Summe muß als frei erfunden betrachtet werden, da es in der Bundesrepublik keinen Erfahrungswert gibt, Wie teuer der Abbruch eines Siedewasserreaktors kommt, wird sich erst im Laufe der nächsten Jahre am Projekt Lingen zeigen. Das Abbauen kann durchaus teurer als die Anlage werden.  
Die Wiederaufbereitungskosten für die Brennelemente gaben die HEW mit 2.200 Mark pro Kilogramm an. Gegenwärtig beträgt dieser Preis in Frankreich rund 4.500 Mark. Bis die Brennstäbe aus Krümmel wiederaufbereitet werden müssen, dürfte der Preis bei 10.000 Mark pro Kilo liegen. Krümmel - letzter Siedewasserreaktor der Bundesrepublik - wird eine teure Pleite sein.  
Als der Hamburger Senat jetzt gegenüber dem HEW-Chef Dr. Oberlack, vom Ex-Aufsichtsratschef Nölling humorvoll »Doktor Dämlack« genannt, das Wort »Fehlinvestition« fallen ließ und eine Neubesetzung des Aufsichtsrats forderte, heulten Springer-Presse und Aufsichtsräte unisono au . »Politische Verzögerungen« beim Bau von Brokdorf und Krümmel stellte »Bild-Hamburg« fest und öffnete seine Spalten dem Aufsichtsrat Willi Burmester zum Interview: »Ziele des Senats sind nach meinen Informationen: Ausstieg aus Brokdorf, Zusammenschluß von HEW, Gas- und Wasserwerken zu einem Stadtwerk.«  
Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit, die Musik bei den HEW zu bestimmen. Aber dann verlören Burmester und seine Kollegen vielleicht die paritätische Mitbestimmung, und Sozialleistungen wären in Gefahr. Die Belegschaft hält Aktien im Wert von 20 Millionen Mark und glaubt immer noch den Versprechungen des Vorstands, daß Atomstrom Gewinne bringt.  
Die Auswechselung einzelner Aufsichtsräte auf der Kapitalseite ist für den Senat nicht ohne Risiko. Rat Plettner gebietet auch über Siemens, und der Konzern hat 4.000 Arbeitsplätze in der Stadt, die auch verlagert werden könnten. Ähnliches gilt für den Pleite-Manager Dürr. Die AEG kann aber nur mit Arbeitsplätzen im benachbarten Wedel drohen.  
Burmester bot dem bedrängten Dohnanyi über »Bild« eine Chance, den Streit nochmal beizulegen: »Nur, wenn der Senat seinen Machtanspruch zurücknimmt ... «