Konkret 06/83, S. 28  
Michael Jungblut  
Wie ein Fluß stirbt  
Eine gigantische Industrieansiedlung hat aus der Elbe eine stinkende Chemie-Kloake gemacht. Rettung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Wenn das neue Bayer-Werk in Brunsbüttel die Endausbaustufe erreicht hat, dürfen täglich 1,86 Millionen Tonnen Abwasser allein von dieser Fabrik in die Elbe gepumpt werden. Wie es der Chemie-Multi Bayer geschafft hat, sich von den Behörden diese Riesenmengen genehmigen zu lassen, enthüllt jetzt das Buch des Hamburger Reporters Christian Jungblut »Es war einmal ein Fluß ... «. Es sollte im Stern-Verlag erscheinen, doch der Chefreduktion war dieses Buch zu brisant. Wenige Tage vor Druckbeginn flog es aus dem Programm und erschien inzwischen im Hamburger Kabel-Verlag. Die Medien berichteten über den Vorfall, gingen jedoch auf die Enthüllungen nicht weiter ein. KONKRET veröffentlicht hier einen Auszug aus dem Jungblut-Buch.  
Vorweg werde ich ein Geständnis machen. Im Winter 1973/74 schmuggelte ich mich unter falschem Namen in eine Sitzung, in der man sich mit der wichtigen Frage beschäftigte, welche Gifte in die Elbe gepumpt werden dürften.  
Die Sitzung war ein sogenannter Erörterungstermin, der immer dann anberaumt wird, wenn ein neues Werk entsteht, das die Umwelt mit Abwasser, Abgasen oder Lärm schädigen kann.  
In diesem Falle war es ein Chemiewerk des Bayer-Konzerns, das vor den Toren der Stadt Brunsbüttel gebaut werden sollte und dessen Abwässer man in die Elbe leiten wollte. Jetzt wollte die zuständige Wasserbehörde mit all jenen darüber diskutieren, die dagegen Einwendungen erhoben hatten.  
Der Zankapfel war aus Papier. Er nannte sich »Antrag auf wasserrechtliche Erlaubnis nach § 7 WHG zur Einleitung der Abwässer aus dem Bayer-Werk Brunsbüttel in die Elbe bei Brunsbüttel am rechten Ufer bei Strom-Km 690,4 und 694,3«. Der Antrag war genial, so genial, daß es mir heute noch den Atem verschlägt über die Unverfrorenheit, mit der er vorgelegt wurde. Es war ein Rahmenantrag für die nächsten fünfzig Jahre. Er sollte ein halbes Jahrhundert lang die Abwasser-Einleitungen des Werks regeln, ohne im Detail zu sagen, was eingeleitet werden sollte. Eine Blankovollmacht für zwei Generationen, das wurde von Bayer verlangt.  
Die Einwender, also jene, die diesen Antrag ablehnten, gehörten damals zur Vorhut einer Bewegung, zu deren Fahnen in den folgenden Jahren die Massen strömen sollten. Ich meine hier die Umweltschutzbewegung. Die hier in Brunsbüttel versammelten Einwender waren eine explosive Mischung aus Dame ohne Unterleib, Albert Einstein und Michael Kohlhaas. Eine Menagerie war langweilig gegen sie. In einem waren sie sich einig: Den Antrag zu Fall zu bringen.  
Die gegnerische Partei waren die Antragsteller, die Manager und Angestellten des Konzerns. Sie hatten eine Meinung, die ihres Konzerns. Ich will hier ein paar Worte über ihren Arbeitgeber sagen.  
Bayer ist der siebtgrößte Konzern der Bundesrepublik. Er ist der drittgrößte Konzern der Welt mit achtzig Werken in siebzig Ländern. Ich dachte, ich wüßte einiges über den Bayer-Konzern. Doch wenige Tage vor dem Erörterungstermin besuchte ich einen Freund und erzählte ihm von meinem Vorhaben, zu der Sitzung zu gehen, und er fragte: »Kennst du die Familiengeschichte von Bayer?« Ich verneinte. Er brachte sie nur am nächsten Tag. Sie war kein saffiangebundes Buch, wie man es sonst von Firmengeschichten kennt. Sie war ein schmuckloses dünnes Büchlein.  
Ich gebe es hier so wieder, wie es in meinem Gedächtnis haften geblieben ist. »Die Mutter des Bayer Konzerns«, las ich dort, »war der IG Farben-Konzern, der zur Zeit der Despotie der Nazis Häftlinge des Konzentrationslager Auschwitz für fünf Mark pro Tag auslieh, um direkt neben dem KZ ein Chemiewerk zu bauen.«  
Es kam noch schlimmer. »Das Gas, mit dem die Häftlinge umgebracht wurden, hieß Zyklon B. Es wurde von der Firma Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung hergestellt, an der die IG Farben beteiligt war.« (KONKRET 9/82)  
Dann las ich einiges über die Geburt der Tochter »Nach dem Krieg wurde der IG Farben-Konzern entflochten... es entstanden drei Töchter, eine davon war der Bayer-Konzern.« Von dem Folgenden will ich nur das erwähnen, was zum Thema steht. »Bayer einer der Haupt-Rheinverschmutzer«, las ich dort. Oder: »Jahrelang wurden Abwässer ungeklärt in den Rhein gepumpt.« Es entstand der Eindruck, daß es die Tochter Bayer ebenfalls zu einer traurigen Berühmtheit gebracht hatte. Als ich dann außerdem diesen Antrag gesehen und die Erläuterungen der Einwender gehört hatte, war mir klar, daß sie einen Gegner hatten, der nicht mit sich spaßen ließ.  
Die Rollen in dieser Auseinandersetzung waren nach dem Gesetz so verteilt, daß die Behördenvertreter als neutrale Instanz mit den Einwendern die Probleme erörtern sollten. Sie sollten als Unparteiische ohne Beeinflussung durch die Einwender oder durch die antragstellende Firma ihre Entscheidung treffen, welche Abwässer in die Elbe gepumpt werden dürfen. Sie waren eine knapp zehnköpfige Gruppe, und rechnet man noch die wissenschaftlichen Gutachter hinzu, kamen sie auf ein gutes Dutzend. Sie hatten große altmodische Aktentaschen bei sich, aus denen sie Gesetzeswerke und Bündel von Akten hervorholten und vor sich auf dem Tisch aufbauten.  
Wir tagten im Saal des Hotels »Kaiserhof«. Die Einwender und ich saßen im hinteren Teil des Saals, die übrigen Teilnehmer im vorderen.  
Die Auseinandersetzung um das Abwasser begann. Als ich das erste Mal von den Mengen hörte, die in die Elbe gepumpt werden sollten, traute ich meinen Ohren nicht. Ich fragte meinen Nebenmann. Er mußte es mir noch einmal sagen und sogar noch ein weiteres Mal, weil ich ihn ungläubig anstarrte.  
Als ich einem Wissenschaftler, der sich mit solchen Angelegenheiten auskannte, davon erzählte, sagte er: »Nein, nein, du hast dich geirrt, das sind nicht Kubikmeter, sondern Liter.«  
»Nein, es ist schon richtig so, Kubikmeter.«  
»Aha, dann hast du dich in den Nullen vertan, das passiert leicht. Du hast einige Nullen zuviel gezählt. Ein Kubikmeter ist nämlich tausend Liter!«  
Ich holte den Antrag hervor und las ihm daraus vor.  
»Das ist ja ebensoviel Wasser, wie die Weser mit sich führt. 22 Kubikmeter führt sie bei Niedrigwasser«, rief er aus, »ich habe eine Studie über die Weser gemacht. Diese Abwassermengen können nicht stimmen.«  
Ich las ihm noch einmal ganz langsam vor, so wie es für die Endausbaustufe im Antrag stand. Das Abwasser war nach Kühl- und Betriebsabwasser getrennt angegeben:  
Kühlwasser etwa:  
17 cbm/s (Kubikmeter pro Sekunde)  
60.000 cbm/h (Kubikmeter pro Stunde)  
1.500.000 cbm/d (Kubikmeter pro Tag)  
550.000.000 cbm/a (Kubikmeter pro Jahr);  
Betriebsabwasser etwa:  
4 cbm/s (Kubikmeter pro Sekunde)  
15.000 cbm/h (Kubikmeter pro Stunde)  
360.000 cbm/d (Kubikmeter pro Tag),  
130.000.000 cbm/a (Kubikmeter pro Jahr).  
»O Mann«, stöhnte er leise. Pro Tag war es genug Abwasser, um einen ganzen See damit zu füllen. Im Jahr war es ein kleiner Ozean.  
Was diese Abwassermengen enthielten?  
Das interessierte auch die Einwender. Man hätte erwarten können, daß dies alles im Antrag stehen würde. Aber gerade eben erklärte einer der Bayer-Angestellten, daß dies ja ein Rahmenantrag sei, für die nächsten fünfzig Jahre bestimmt. Und wer wisse heute schon, welche Stoffe die Abwässer dann enthielten, da man ja noch nicht einmal ahne, was man in so ferner Zukunft produzieren werde. Und von den Produkten hänge ja schließlich auch die Zusammensetzung der Abwässer ab.  
Es war ein gutes Stückchen, das die Bayer-Leute da gleich zu Anfang brachten. Ich traue mir einiges zu, aber diese Chuzpe hätte ich nicht gehabt. Ich dachte, daß die Einwender hochgehen. Aber sie blieben ruhig.  
So wurde diskutiert, was im Antrag unter der Überschrift » Abwasserbeschaffenheit« stand. Das Kapitel nahm ein Zehntel des gesamten Raums im Antrag ein. Es waren ein paar magere Zeilen und zwei Sätze. Jeder Satz warf ein gutes Dutzend Fragen auf. Und jede Leerzeile dazwischen noch einmal so viele Fragen. Der eine Satz lautete: »Die Abwässer werden so weit geklärt, daß sie nach Einleitung in den Vorfluter für Mensch und Tier, insbesondere für Fische, sowie für den Prozeß der biologischen Selbstreinigung im Vorfluter hinsichtlich Toxizität, Geruch und Farbe sowie der sonstigen Beschaffenheit keine nachhaltigen Schäden hervorrufen.«  
eine nachhaltigen Schäden« habe ich unterstrichen. Die nämlich interessierten Jürgen Westphal, einen Einwender mit spitzer Nase. Er sah immer so aus, als hätte er starken Schnupfen. »Was ist unter 'keine nachhaltigen Schäden' zu verstehen?« fragte er gedehnt.  
Dr. Hans Hermann Weber, der Umweltfachmann von Bayer, sollte die Antwort geben. Er zögerte einen Moment. Dann antwortete er mit sanfter Stimme: »Ich möchte nicht die nachhaltigen Schäden definieren. Sondern folgendes dazu sagen - die Formulierung steht im Erlaubnisbescheid eines anderen Bundeslandes.«  
»Damit haben Sie also zugegeben, daß Schäden überhaupt zu erwarten sind«, sagte der Einwender mit der spitzen Nase.  
Die Antwort des Umweltfachmanns war gespickt mit vielen Beteuerungen - das Wort »wollen« war das häufigste -, aber welche Schäden überhaupt zu erwarten sind, erfuhr niemand. Es gehörte allerdings nicht viel Phantasie dazu, sich solche Schäden vorzustellen, die nicht nachhaltig sind.  
Zum Beispiel für die Fische: Gerade dort, wo die Abwässer in die Elbe geleitet werden sollen, war der Abschnitt mit dem größten Vorkommen an Aalen. In den Herbstmonaten hatten die Elbfischer an der Stelle 30.000 Kilogramm Aal herausgeholt. Früher aß ich diesen Aal gern. Nun sage mir aber einer, sind zwei oder drei verkümmerte Aale ein nachhaltiger Schaden? Und wenn es sogar der halbe Fang ist, wer beweist überhaupt, daß sich die Aale diese Schäden durch die Abwässer von Bayer geholt haben? Denn sie schwimmen ja wohl nicht nur in diesem Abschnitt der Elbe herum. Wahrhaftig, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, sich vorzustellen, was »nicht nachhaltige Schäden« sind.  
Wenn die Auskünfte über diesen einen Satz sehr mager waren, so ist doch zu hoffen, daß man über den anderen Satz des Antrags mehr erfährt. Der Satz lautet: »In Anlehnung an für die Werke am Rhein gültigen Einleitbedingungen glauben wir folgende Richtwerte einhalten zu können. « Sie finden diesen Satz harmlos? Gehen Sie ihn mal Wort für Wort durch. Die Einwender taten das. Sie wollten wissen, was es bedeutet, wenn die Antragsteller »glauben, Richtwerte einhalten zu können«? Denn die Worte »glauben« und »können« würden sie ja geradezu auffordern, die Richtwerte zu überschreiten.  
Die Antwort war Schweigen.  
Der Einwender Jürgen Westphal meldete sich. »Sie schreiben 'Einleitwerke am Rhein'«, fragte er, »sind das nun sehr scharfe Werte oder ganz laxe Werte, an die Sie sich anlehnen wollen? Was heißt das? Ist möglicherweise der schlechte Zustand des Rheins, den manche als die Kloake Europas bezeichnen, dadurch bedingt, daß die Einleitwerte nicht so scharf sind, wie sie sein sollten, und daß sich die Herren von Bayer deshalb daran anlehnen wollen?« Seine letzten Worte stieß er in einer Weise aus, daß ein amerikanischer Staatsanwalt vor Neid geplatzt wäre.  
er angeklagte Umweltschutzmann des Konzerns gab sich bieder. »Ich will keine Bewertung der Werte vornehmen«, antwortete er beflissen, und ich erwartete eigentlich eine kleine Verbeugung.  
Der Staatsanwalt mit der spitzen Nase hatte Geduld. Er redete seinem Gegenüber zu wie einem Kind, das nicht versteht, und fragte deshalb mit anderen Worten noch einmal: »Sind es nun Werte, die den heutigen Bedürfnissen des Umweltschutzes gerecht werden?«  
Der Angeklagte begann zu erklären. Er erklärte sehr umständlich und kam vom Hundertsten ins Tausendste, er führte aus, daß er über alle Werke am Rhein nichts sagen könne, nur für die Bayer-Werke am Rhein. Seine letzten Worte schluckte er fast hinunter: »Diese Werte stammen aus Einleiterlaubnissen von einigen Jahren zurück.«  
Auf die Fragen hätten natürlich die Gutachter antworten können, denn die Gutachter eines Erörterungsverfahrens sind die vom Staat bestellten Fachleute. Und die für dieses Verfahren herangezogenen Gutachter waren für mich zahlreich und kompetent. Vier Professoren waren es und ein Doktor. Sie hatten fünf verschiedene Gutachten erstellt, die sich alle mit dem Problem der Abwasser-Einleitung des geplanten Bayer-Werks beschäftigten.  
Der bekannteste Gutachter unter ihnen war ohne Zweifel Professor Hubert Caspers vom Hydrobiologischen Institut in Hamburg. Dieser gutachtende Professor propagierte den Begriff von der »Selbstreinigungspotenz der Elbe«. Sie verknüpfen sicher wie ich mit diesem Begriff Vorstellungen von Kraft, Gesundheit, klarem, perlendem Wasser, grünbealgten Kieseln und enorme Widerstandsfähigkeit gegenüber eingeleitetem Dreck, der sich durch bloßes Zusammentreffen von Sonnenstrahlen und Wasserspritzern in Nichts auflöst. Selbstreinigungspotenz - dieses Wort gefiel mir. Ich drehte es wie eine Praline so lange im Mund herum, bis mich ein Einwender über den wahren Inhalt aufklärte. Nämlich, daß ein stinkendes Klärwerk die höchste Selbstreinigungspotenz überhaupt hat. Da schmeckte es mir nicht mehr.  
Dieser Einwender - er war übrigens einer der Studenten von Prof. Hubert Caspers - erläuterte mir dann, daß ein klarer, sauberer Fluß am anfälligsten gegen jeden Dreck sei, weil seine Selbstreinigungspotenz außerordentlich schwach sei. Die steigt nämlich erst mit den Mikroorganismen und Bakterien im Wasser, die den Dreck abbauen. Je mehr Dreck in einen Fluß geleitet wird, desto mehr Mikroorganismen können sich entwickeln - solange sie nur genügend Sauerstoff bekommen. Und schließlich zischte der junge Wissenschaftler: »Die Unterelbe als ein über hundert Kilometer langes Klärwerk zu betrachten, ist doch wohl etwas stark.«  
Meine Ehrfurcht vor dem Wissen eines Professors war damals noch gewaltig. Ich war gespannt. Aber dann hielten die Gutachter ihre Vorträge, die so kurz waren wie ein Atemzug, und viel mehr sagten sie auch nicht aus.  
Ich will das anhand der giftigen Stoffe im Abwasser nachweisen. Bei einem Chemiewerk sind gerade die Anteile der toxischen, der giftigen Stoffe eines Abwassers wichtig, wichtiger als alle anderen Stoffe. Das wurde auch von einigen Gutachtern hervorgehoben. Trotzdem gingen sie davon aus, daß das Bayer-Werk keine giftigen Stoffe in die Elbe einleiten wolle.  
Nehmen wir das Vorgutachten von Prof. Hubert Caspers mit dem Titel »Die biologische Selbstreinigungspotenz des Elbbereichs bei Brunsbüttel«. Erst auf der vorletzten Seite kam der entscheidende Satz: »Nicht in die derzeitigen Auswertungen eingeschlossen ist die Frage einer Einleitung toxischer Abwasserstoffe, wie sie bei der Großindustrie anfallen.«  
Nun frage ich, wäre es zuviel verlangt gewesen, wenn Prof. Hubert Caspers sich den sehr kurzgefaßten Antrag von Bayer durchgelesen hätte? Dort sind nämlich zwei Gruppen von Abwasser-Inhaltsstoffen angeführt, die toxisch sein können. Ich sage hier extra können, denn nicht alle Substanzen dieser beiden Stoffklassen sind giftig. Aber wäre es für einen Gutachter seines Rangs eine Zumutung gewesen, auch die ungünstigsten Zusammensetzungen eines Abwassers zu berücksichtigen?  
Bei den beiden im Antrag angeführten Stoffklassen handelt es sich um petrolätherextrahierbare Stoffe und Phenole. Unter den Phenolen gibt es Substanzen, die hochgiftig sind und krebserregend wirken. In der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg liegt das »Handbuch der Frischwasser- und Abwasser-Biologie«, dort hätte er unter der Rubrik Phenole mindestens dreizehn Beispiele gefunden. Und was die Gruppe der petrolätherextrahierbaren Stoffe angeht: Von denen sind zwar etliche ungefährlich; aber eine der schädlichen Substanzen wurde später für Tod und Siechtum von Hunderten von Menschen in der italienischen Kleinstadt Seveso verantwortlich. Es war die petrolätherextrahierbare Substanz TCDD (Tetrachlordibenzo-p-dioxin), die dort als pulvriger Nebel die Menschen vergiftete.  
Aus dem Gemurmel nach den Vorträgen der Gutachter erhob sich die Stimme eines Beamten. Sie war ein Massenprodukt wie Plastik. »Die Gutachter kommen zu dem Schluß, daß die beantragte Einleitung von Bayer unter Auflagen unbedenklich ist«, tönte die Stimme.  
Das war eine so verdammt erstaunliche Feststellung, daß der Verdacht auftauchte, der Inhaber der Stimme habe womöglich eben den Vorträgen ganz anderer Gutachter zugehört.  
Es war eine Herausforderung. Sie wurde von einem Mann angenommen, von dem ich schon vorher einiges gehört hatte. Es war Dr. Reinmar Grimm vom Zoologischen Institut in Hamburg, der ebenso wie Prof. Hubert Caspers einen Begriff geprägt hatte - den vom »Gesamtökologischen Gutachten für die Unterelbe«. Es sollte eine Bestandsaufnahme dieses Flusses sein, eine Grundlage für die industrielle Belastbarkeit der Elbe. Aber Dr. Reinmar Grimm stand hier nicht als bezahlter Gutachter, sondern als Einwender. Er faßte die Aussagen der Gutachter zusammen und fragte spöttisch: »Wie kann man da zu dem Schluß kommen, daß die Einleitung nach Meinung der Gutachter unbedenklich ist?«  
Der Vorsitzende beeilte sich. Er bat die Gutachter, sich zu äußern. Jetzt solle es Klarheit geben. Am besten sollten sie mit Ja oder Nein antworten. Ich gebe ihre verblüffenden Antworten so wieder, wie sie zusammengefaßt im Protokoll nachzulesen sind.  
Prof. Hans Partenscky, der Rohrbau-Gutachter und Ingenieur, antwortete wie ein Ingenieur. Die sind gewohnt, mit der Mikrometerschraube nachzumessen. Er sagte exakt und knapp: »Aus meiner Sicht bestehen keine Bedenken.«  
Aber dann kam Prof. Werner Thorn, der Biochemiker, an die Reihe. Ich weiß nicht, wie er gerade auf diese Antwort kam. Er sagte: »Unter petrolätherextrahierbaren Stoffen ist eine Anzahl von Substanzen zu verstehen.«  
Das löste Erstaunen unter den Einwendern aus. Ich dachte, sie würden ihn gleich mit wüsten Flüchen aus dem Saal jagen. Aber sie waren zu gespannt auf die Antwort von Prof. Hubert Caspers, dem Imperator der Gutachter. Sie hingen an seinen Lippen. Er ließ sich Zeit. Er überlegte wohl. Aber, Herrgott, so lange wird man doch nicht für eine so einfache Antwort brauchen! Da bewegte er seine Lippen und sagte: »Eine zusätzliche Einleitung im Winter ist gefährlicher als im Sommer.« Und führte das weitschweifig aus.  
Mein Nebenmann erläuterte: »Erst die Gutachter legitimieren die Behörden, solche Anträge wie diesen von Bayer überhaupt zu genehmigen. Hinter ihren Gutachten kann sich die Behörde verschanzen. Das ist das Üble. Hat die Wissenschaft nicht eine Verpflichtung gegenüber der Bevölkerung?«  
Ich saß mittlerweile über zehn Stunden dort im Saal. Sie denken, ich wußte jetzt alles. 0 nein, jetzt sollte ich erfahren, wer hier das eigentliche Sagen hatte. Und damit wußte ich dann auch wirklich alles. Die Einwenderin Marie Schnetzler löste die ganze Enthüllung aus. Sie sah weit voraus in eine Zeit, in der das Werk die Abwässer wie beantragt in die Elbe leiten werde. Und sie führte ihre trüben Erfahrungen an, die die Bewohner der anderen Elbseite in Bützfleth mit dem Chemiewerk der Dow Chemical gesammelt hätten. Die Manager des Werks dort wollten nach einem Chlorgasausbruch einem geschädigten Bauern keinen Schadensersatz zahlen. Sie nahm ihre Brille, die sie immer an einer Kette um den Hals hängen hatte, vor die Augen und fragte: »Wie eigentlich ist es? Hat der Bürger die Möglichkeit zu klagen?«  
Der Rechtsberater des Bayer-Konzerns war angesprochen. »Gnädige Frau«, knarrte er, »ob Sie Rechtsschutz haben oder nicht, das machen Sie bitte mit Ihrem Anwalt aus.« Er machte eine Pause. Sie war kurz und wirkungsvoll. Dann befand er streng: »Und Kritik hier am Gesetz zu üben, ist fehl am Platz.«  
Ein anderer Einwender hatte noch nicht genug und er fragte: »Kann sich der Bürger bei Giftschäden an Bayer halten?«  
»Das Thema möchte ich hier nicht behandeln«, ratterte der Rechtsberater als endgültigen Bescheid.  
Der Vorsitzende saß da und schwieg. Und der Rechtsberater erteilte, wann immer er es wollte, Belehrungen.  
Dann kam das Ende der Verhandlung. Die Einwender hatten einen Haufen Fragen gehabt, und keine war beantwortet worden. Da fragte der Vorsitzende laut in den Raum: »Hat noch jemand Fragen?« Er sah suchend in der Runde umher. Er wollte jedenfalls eine Regung. Aber es antwortete niemand, nicht einmal mit einem Kopfschütteln. Und dünn hingen seine Worte in der Luft: »Es gibt also keine Fragen mehr. Dann ist die Sitzung geschlossen.«  
Fast auf den Tag genau ein Vierteljahr nach der Sitzung wurde den Beteiligten der Erlaubnisbescheid zugestellt. Ich blätterte in den Nebenbestimmungen, wo die Inhaltsstoffe des Abwassers aufgeführt waren. Ich las: »Phenol unter 0,5 Milligramm pro Liter, Quecksilber und Kadmium je unter 0,01 Milligramm pro Liter, Blei unter 1 Milligramm pro Liter.« Ich wollte mich schon über die geringen Mengen dieser Stoffe freuen, die hochgiftig sein können. Ich sah vor meinen Augen verschwindend kleine Dosen von Giften, nicht weiter der Rede wert. Aber dann rechnete ich zusammen. Ich bezog die Milligramm pro Liter auf die beantragten und auch genehmigten Abwassermengen. Und mir wurde heiß und kalt.  
Für petrolätherextrahierbare Substanzen, also jene Stoffklasse, deren eine Substanz in Seveso Hunderte von Menschen vergiftet hatte, waren zwar nur 5 Milligramm pro Liter angegeben. Aber auf die Abwassermenge bezogen, darf Bayer der Endausbaustufe des Werks in einem Jahr 3.348 Tonnen petrolätherextrahierbarer Substanzen in die Elbe leiten. 134 Güterwaggons könnte man damit füllen.  
Für Phenole berechnete ich pro Jahr 64,8 Tonnen. Das sind drei Güterwaggons. Nach Untersuchungen gilt ein Fisch schon dann als ungenießbar, wenn nur ein hundertstel Milligramm einer giftigen Phenol-Substanz in ihm gefunden wird.  
Und so ging es weiter, Blei, Kadmium, Quecksilber, Fluor, Eisen und übrige Schwermetalle. Ein Zug mit 309 Waggons voller gefährlicher Stoffe kam so zusammen. Fast acht Kilometer lang war der Gifttransport, der nach dieser Genehmigung jährlich in die Elbe geleitet werden durfte. Und jedes Jahr kam ein neuer Zug mit 309 Waggons hinzu, beladen mit Giften, die auf Dauer ihre Wirkung behalten. Und in meiner Vorstellung sah ich eine unendliche Kette von Zügen die Elbe wie einen nimmersatten Hexenkessel füllen.  
Vielleicht ist es ratsam, daß man angesichts solcher potentieller Bedrohung durch diese Giftmengen die Augen verschließt oder sich zumindest ein dickes Fell zulegt. Aber dieser Erlaubnisbescheid brachte mich auf achtzig. Ich rief einen Einwender an, um seine Meinung zu hören. Er sagte: »Man kann fast noch froh sein. Stellen Sie sich vor, wir hätten nichts gesagt, dann wäre es noch weitaus schlimmer gekommen.« Er erzählte mir, daß gegen den Erlaubnisbescheid geklagt werden solle. Ja, ein Gericht sollte diesen Wisch für ungültig erklären. Er ist nichts anderes als ein Todesurteil für den Fluß, das über Jahre, ja Jahrzehnte vollstreckt werden würde. Wer anders als ein Gericht konnte feststellen, daß dies alles nicht sein durfte.  
Ich hörte später, wie die Gerichtsverhandlung abgelaufen war. Dr. Reinmar Grimm, der Wissenschaftler mit dem großen Engagement für die Elbe, vertrat die Stadt Cuxhaven, die gegen diesen Bescheid geklagt hatte. Ihm gegenüber saß Dr. Weher, der Umweltfachmann von Bayer, der so nichtssagende Antworten gegeben hatte. Im Gerichtssaal ging es wieder zu wie beim Erörterungstermin. Der Richter lehnte die Klage ab. Der Bescheid blieb bestehen.  
Draußen vor dem Gerichtssaal trafen der Wissenschaftler und der Umweltfachmann von Bayer mit den vielen Antworten aufeinander. »Sie haben uns ein Dreivierteljahr Zeitverlust und 1,5 Millionen Mark gekostet«, sagte der Prozeßgewinner zu dem Wissenschaftler.  
Später war in den Tageszeitungen eine halbseitige Anzeige im Auftrage der Kieler Landesregierung mit einem Foto des Werks zu sehen und dem Text: »Schleswig-Holstein hat Bayer ein Angebot gemacht. Hier sehen Sie das Ergebnis.«
 
Christian Jungblut, »Es war einmal ein Fluß ... «, Kabel-Verlag Hamburg, 240 Seiten mit Farbfotos, 22,80 Mark