in konkret Mai 1983

Vorwort von Manfred Bissinger
 
An KONKRET
 
Locker wie in Vietnam von Hermann L. Gremliza
 
Nachrichten
 
Nachrichten
 
Aufbruch oder Psychokrieg? von Tom Schimmeck
 
Soveso ist nicht der erste Skandal des Pharma-Konzerns Hoffmann- La Roche, der weltweit Medikamente und Chemikalien für rund acht Milliarden Mark im Jahr umsetzt. Mit Höchstpreisen für Valium machten sie ihr Geld, heute beherrschen die Schweizer den Vitamin-Markt, nachdem sie andere Produzenten mit rüden Methoden an sich gebunden haben. Ärzte und Patienten haben nur eine Möglichkeit, sich gegen den Multi u wehren: Boykott.
 
Obwohl er keinen Posten im Bundeskabinett abbekommen hat, ist Franz Josef Strauß beim Regieren dabei. In Bonn wäre er seiner Sache schädlicher gewesen.
 
Als die Kommunisten vor fünf Jahren an die Macht kamen, sollte für das mittelalterliche Land Afghanistan eine neue Zeit beginnen. Mit Hilfe der Sowjetunion wollte Parteichef Babrak Karmal die längst fälligen Reformen in seinem Land durchsetzen. Doch als »Marionette Moskaus« wird er von Rebellen bekämpft, die der Westen bezahlt und mit Waffen versorgt. Babrak Karmal nimmt noch heute vorsichtshalber nur als Foto an den Feierlichkeiten des jährlichen Revolutionstages teil.
 
Ein unfähiger Manager und eine gefügige Gewerkschaft haben das Großunternehmen Howaldtswerke - Deutsche Werft in den Ruin getrieben. Tausende von Arbeitern müssen jetzt dafür büßen. Sie werden auf die Straße geschickt.
 
Nach der Wende in Bonn müssen sich auch die deutschen Intellektuellen umstellen. Der bequeme Umgang mit der Macht ist dahin.
 
Als einzige deutsche Zeitschrift dokumentiert KONKRET das Skript eines Films, den die kommerzielle britische Fernsehgesellschaft ITV am 28. Februar zeigte. John Pilgers »The Truth Game« war im November letzten Jahres vom Programm abgesetzt worden, weil die zuständige Kontrollbehörde IBA (Independent Broadcasting Authority) den Film »nicht genügend ausgewogen« fand. Die Sendeerlaubnis wurde schließlich an die Bedingung geknüpft, daß die Fernsehgesellschaft einen zweiten Film zum gleichen Thema mit entgegengesetzter politischer Tendenz in Auftrag gab. Der ITV-eigenen Programmzeitschrift »TV Times« wurde die Veröffentlichung einer Titelgeschichte über Pilgers Film schlichtweg untersagt
 
Margret Thatcher: Wir brauchen Atomwaffen, weil ihr Besitz den Frieden sicherer macht.
 
Weil ein Thema hermußte, riefen zwei »Bild«-Papierschinder ein Wallfahrtsbrünnlein zur »Wunderquelle« aus. Und Hunderttausende strömten hin.
 
Jetzt erst, erst jetzt ist Kokain wirklich angekommen, oder wie es die »Neue Zürcher Zeitung« fast liebevoll ausdrückt: »'Charley' ist seit diesem Jahr endgültig auch bei uns zuhause.« Die Droge hat das Getto des Luxuskonsums verlassen und macht sich am westeuropäischen Straßenmarkt breit. Wir erleben das Ende einer Produkteinführung.
 
Kulturnotizen
 
Er entwarf Bestecke, baute Bahnhöfe, schrieb romantische Gedichte, illustrierte Bücher von Rilke, Oscar Wilde oder Kropotkin, malte wunderbare Moorlandschaften und wurde einer der ersten deutschen Kommunarden: Heinrich Vogeler, Handwerker und Architekt, Kunstgewerbler und Schriftsteller, Maler und Lebensreformer. Er war der Liebling des aufgeklärten Bürgertums. 1914 zog der bewunderte Künstler des deutschen Jugendstils freiwillig in den Weltkrieg. 1917 klagte er den Kaiser und seine Armeeführung an und wurde deshalb in die Irrenanstalt eingewiesen. Als Arbeiter- und Soldatenrat propagierte Vogeler 1918 den Sturz der bürgerlichen Ordnung.
 
Der französische Kino-Revolutionär Jean-Luc Godard stellt sich und sein Handwerk mal wieder selbst in Frage. In seinem neuen Film »Passion« geht es um einen fehlgeschlagenen Arbeitskampf und einen scheiternden Regisseur. Für das Nachstellen von berühmten Gemälden mangelt es ihm immer wieder am richtigen Licht. Gideon Bachmann hat Godard und sein Team am Drehort besucht.
 
Alle Verleger klagen über Absatzschwierigkeiten. Nur den Comic-Produzenten scheint die Konkurrenz von Fernsehen, Kino und Video nicht zu schaden. Im Gegenteil: Der Markt für Erwachsenen-Comics erlebt einen unerwarteten Boom. Und längst wird da nicht mehr nur mit Zeichen-Pornos gehandelt - das neue Angebot bietet auch Stoff für feingeistige Ästheten. Aber bei allem Erfolg ist die Comic-Szene so unübersichtlich wie zerstritten. Da geht es fast wie in einem Comic zu.
 
10 Sätze betr. Komik, komische Zeichnung, Bildende Kunst und Literatur nebst einem Zusatz von Robert Gernhardt
 
Die Kampagne gegen die Friedensgespräche von Schriftstellern aus Ost und West geht weiter. Kurz vor dem jüngsten Treffen Ende April in Westberlin erschien in der Springerzeitung »Die Welt« ein Artikel von Joachim Seyppel. Der Schriftsteller, der von der BRD in die DDR und wieder in die BRD gewechselt ist, wirft dort Hermann Kant als einem der maßgeblichsten Teilnehmer des Friedens-Dialogs Spitzeltätigkeit vor. KONKRET hat Kant, der Präsident des DDR-Schriftstellerverbands ist, danach gefragt.
 
30 Millionen Theaterkarten werden jährlich in der Bundesrepublik verkauft; zwei Drittel von Bühnen, die mit Steuermitteln subventioniert werden. Der Staat wendet 0,23 Prozent aller öffentlichen Ausgaben dafür auf. Und weil diese Mini-Zuwendungen jetzt allenthalben noch weiter zusammengestrichen werden, ist ein Zusammenbruch der öffentlichen Theaterkultur abzusehen. Jürgen Flimm rechnet spätestens 1986 mit dem Kollaps seiner Kölner Bühne. In einem KONKRET-Gespräch sagt er, wie man aus der Krise herauskommen könnte
 
Schöner als Geschlechtsverkehr ist Dr. Günther Nenning. Er juckt länger.
 
Das Buch ist kaum faßbar, ein Monstrum. Sechshundertfünfzig Seiten, kann man noch so viel zu sagen haben?
 
Wieder hat KONKRET einige Schriftsteller (und diesmal auch einen bildenden Künstler) noch dem Buch gefragt, das sie zur Zeit lesen. Die Antworten kamen spontan, am Telefon.
 
Wer auf der Sachbuch-Bestsellerliste noch vor »Jane Fondas Fitness-Buch« rangieren will, muß mindestens so populär sein wie die Mainzelmännchen, oder versprechen, eine Bildungslücke zu schließen. Zwei Argumente für Peter Scholl-Latour.