Konkret 07/79, S. 38  
Karin Reschke  
Frauen  
Über Marilyn Frenchs »Frauen«-Roman (Rowohlt)  
Als ich diesen Titel sah, Damen durchgestrichen, Frauen drübergeschmiert in breiten, üppigen Buchstaben, dachte ich an Klos, Brandmauern, Orte für Parolen und Sprüche. Tatsächlich fängt der Roman von Marilyn French genau so an. Ein ungefälschtes Bild und kein Symbol. Das tat auf Anhieb gut.  
Die Frau, die sich zu Beginn des Buchs auf der Toilette versteckt, ängstlich erstaunt die graffiti an den Wänden herunterliest: »Manche Tode währen ewig!« - »Verdammter christlicher Idiot! Nimm deine Gebote und friß sie! Macht ist das Einzige! Alle Macht dem Volk!« - diese Frau bedeutet uns konkret, wo wir uns befinden: 1968, Harvard, mit einer alleinstehenden, nicht mehr ganz jungen Frau, die den Sprung ins kalte Wasser der »Selbstbefreiung« gewagt hat, sich aber heimlich und eben in der Abgeschiedenheit des kleinen Örtchens für Pipi und Tränen noch immer einen Typen wünscht, der wie Walter Mathau oder Cary Grant Schutz, Frauenschutz aus dem Hinterhalt bietet.  
Marilyn French hat einen Superroman geschrieben, eine Puppe in der Puppe, Entwicklungsgeschichten einer Generation, die in den Vierzigerjahren jung, kindlich, naiv auf die große Liebe hoffte, in den Fünfzigerjahren traditionelle Ehe und Familie gründete, Mitte der Sechziger in Wut und Zweifel geriet, bis die Familien in sich zusammen fielen wie Kartenhäuser. Aber kein feministisches Besserwisserwerk, wie toll Frauen sich entwickelt haben neben ihren politisch engagierten Männern, wie sie sich dann von ihnen befreiten, um selbst herauszufinden, was sie eigentlich wollen - im Gegenteil. Die zähen Anfänge, die ganzen Illusionen über Liebe, Männer, Pflicht, Ausbildung, Familie, Heldinnentum, Stolz, Sexualität, Zweisamkeit werden genau so stockend erzählt wie sie die Frauen immer wieder am Denken, Fühlen und Handeln hindern.  
Marilyn French hat einen Riesenatem in diesem Roman, sie läßt sich auf 627 Seiten Zeit und Raum, die Biografien von sechzehn Frauen peinlich genau aufzuschreiben und zwar so, daß es uns im Nachhinein noch Bauchschmerzen macht, daß wir genauso gewesen sind, daß das auch unsere Erfahrungen sind, unsere Sorgen, Ängste, Träume und Freuden. Gleichzeitig erfahren wir Authentisches über das amerikanische Durchschnittsleben in der Familie. Meine Vorstellung, daß alle Amerikaner schon mit dem Frigidaire in der Fruchtblase zur Welt kommen, wird gründlich widerlegt. Die Aneignung von Komfort, die kleinbürgerlichen Sehnsüchte nach Eigenheim und Herd, Arbeit, Stabilität der Verhältnisse (auch der politischen...), Gemütlichkeit sind keineswegs Spezialitäten der alten Welt. Auch die Amerikaner proben noch immer das Aufsteigertum, indem sie sich die Statussymbole Auto, TV, Kühlschrank, Wasch- und Spülmaschine mühsam erringen.  
Ändern wird sich nichts, so lange Familie nach angestammtem Ritual funktioniert und die innere Angepaßtheit in den so selbstverständlichen Formen von Sauberkeit, Ordnungsfanatismus und ehelichem Anstand vorgelebt wird. Der äußere politische Druck, Vietnamkrieg, Protestbewegung, Studentenrevolte, die individuellen psychischen Quälereien verschärfen den Druck nach innen. Lily, eine der sechzehn Frauen, bekennt nach ihrer aufreibenden Ehe: »Es ist so, als ob er mich in eine Schachtel gesteckt hatte, und darin war alles Farbe und Leidenschaft und Sex, und dann verbrachte er den Rest seines Lebens damit, einen Schlauch über der Schachtel zu halten, um mich herauszutreiben. Was wußte ich schon von ihm. Ich habe einen Anzug geheiratet. «  
Nun ist es nicht etwa so, daß Marilyn French die Männer nur als Anzüge präsentiert. Sie schildert sie in ihrem Kleinmut eher als gefangene Opfer von Familienpolitik und gesellschaftlicher Rolle. Schließlich schafft der Mann den Beruf (meistens auf Kosten der Frauen), das Geld, die äußeren Bedingungen für den Terror Familie. Er ist Opfer wie die Frauen, aber er hat es eben leichter, sich dem täglichen Kleinmist zu entziehen, so zu tun, als seien ihm die großen  
Zusammenhänge vertraut und durchschaubar, während die Frauen, an den Laufställen ihrer Babys gehalten, ihr Kleinsein und Großwerdenwollen mühselig proklamieren. Marylin French nimmt Partei für diese Frauen, aber nicht kritiklos. Sie beschreibt Mira Ward, ihre Toilettenheldin, auch so:  
»Sie hatte alles richtig gemacht, sie war vollkommen gewesen, und er war trotzdem nach Hause gekommen und hatte gesagt: Ich möchte die Scheidung. 'Der Gedanke daran erfüllte sie mit ohnmächtigem Zorn, sie warf ihr Glas durchs Zimmer, der Brandy ergoß sich über den Teppich und spritzte gegen die Wände, und die Glassplitter prasselten klirrend auf ihre Gedanken. Das letzte Mal, erinnerte sie sich, als solche Gedanken ihr makellos zurechtgemachtes Gehirn überflutet hatten, war sie weinend nach oben gestolpert, hatte eine Rasierklinge genommen und damit auf ihre Handgelenke gehackt - immer noch sich selbst angegriffen, immer noch Mrs. Makellos Norm.«  
Mrs. Makellos Norm alias Mira Ward verändert sich nach der Trennung von Familie. Sie geht nach Harvard und studiert. Sie kann endlich das machen, was sie auch während der Ehe unerkannt und mäuschenhaft gemacht hat, ihrem Lesehunger frönen, ihren Büchern, neue, andere, veränderte Frauen kennenlernen, keine Hausmütterchen in Ehegefängnissen, - ein Pulk von Frauen, der allerdings oft ein bißchen zu attraktiv, zu perfekt frei und befreit erscheint.