-1979/07 Hans-Rüdiger Minow: NagewirkungWarum die FilbingerGeschichte »kein Stoff« für einen Film ist
Konkret 07/79, S. 28  
Hans-Rüdiger Minow  
Nagewirkung
Warum die Filbinger-Geschichte »kein Stoff« für einen Film ist
 
Hans-Rüdiger Minow (Foto) hat zusammen mit Rolf Hochhuth das Material zusammengetragen, das schließlich zum Sturz des Ministerpräsidenten Filbinger führte. Die Geschichte des faschistischen Marine-Richters und seines Opfers, des Matrosen Gröger, sollte auch ein Film werden. Regisseur Minow schrieb für KONKRET das Tagebuch einer gescheiterten Verfilmung
 
16. Mai 1978 Genf  
Lese erneut den Vorabdruck einer Erzählung Rolf Hochhuths: »Schwierigkeiten, die wahre Geschichte zu erzählen«: »Dr. Filbinger ... Hitlers Marine-Richter ... furchtbarer 'Jurist' ... nur auf freiem Fuß dank des Schweigens derer, die ihn kannten«.  
Kann ein CDU-Politiker so dumm sein, deswegen zu klagen? Versuche R.H. telefonisch zu erreichen, nachdem der briefliche Kontakt nicht geklappt hat.
 
22. Mai Köln  
Erneutes Telefonat. R.H. sieht nicht, wie ein Spielfilm mit d i e s e r Geschichte Geldgeber finden soll. Nach Vorgesprächen im WDR bin ich aber weniger skeptisch. Versuchen! Ein Kollege warnt, ich könnte es mit den Gremien verscherzen.
 
24. Mai Wien  
Zwei Arbeitstage mit R. H. Er ist mitten in Prozeßvorbereitungen wegen Filbingers Klage, schreibt an zwei neuen Veröffentlichungen, und dann noch das! Wir gehen die dokumentarischen Fakten durch. Das Material ist dermaßen umfangreich, daß dringend vertieft werden müßte. Fehlen sämtliche Unterlagen über die Person des erschossenen Soldaten. Ich müßte nach Norwegen, um zu recherchieren, aber wer finanziert?  
R.H. hilft mit exzellenten Kenntnissen über die politische Situation der letzten Nazi-Jahre. Kommen gut voran, aber werden uns bei der Einschätzung der Realisierungschancen nicht einig. Bleibe dabei, daß erst noch zu beweisen ist, eine Affäre dieses Umfangs (historisch und zeitgeschichtlich) könne für Kino und Fernsehen keine Produzenten finden.
 
25. Mai Wien  
Übereinstimmung, daß der Film Kern- und Rahmenhandlung haben soll: Kern Oslo 43-45. Die Geschichte dieses naiven völlig unpolitischen Jungen, der sich in zwei Norwegerinnen verliebt und halbherzig zu desertieren beschließt. Dagegen gesetzt der Marinestabsrichter katholischer Erziehung und auf Abstand zum nationalsozialistischen Parteipöbel bedacht, aber gehorsamsversessen. In seine Fänge gerät der Soldat. Diese Geschichte stellvertretend für ca. 18.000 Todesurteile an wehrunwilligen deutschen Soldaten während des Weltkriegs erzählen. Rahmenhandlung: BRD 1978 ist konzipiert.  
Auf R.H. geht ein Trommelfeuer von Interviewwünschen nieder. Die politischen Größen von ARD- und ZDF-Publizistik geben sich die Klinken in die Hand, bitten aber um Verständnis für »ausgewogene« Berichterstattung im Aktuellen. R.H. kommt praktisch überhaupt nicht zu Wort, obwohl dauernd von ihm die Rede ist. Ambivalenzphase, in der Chefredakteure für und gegen Filbingers Rücktritt wetten, und sich's mit keinem der möglichen Sieger im Prozeßclinch verderben wollen. R.H. hält Niederlage für möglich, wenn nicht neue Dokumente auf den Tisch kommen.
 
26. Mai Köln  
Arbeite das gemeinsam beschlossene Exposé aus. Der Film wird mit der Erschießung des Soldaten beginnen, von dort in die Rahmenhandlung BRD springen und nach diesem kurzen Zwischenspiel die eigentliche Kernhandlung in einer Rückblende eröffnen: Ankunft des Soldaten in Oslo, Atmosphäre dieser von allen Seiten eingeschlossenen Stadt. Dann der Weg des Jungen zu der Gelegenheitsprostituierten Marie, die ihn versteckt.
 
31. Mai Köln  
Exposé mit R.H. abgestimmt und bei Canaris (WDR) gelassen. C. sieht mögliche Beteiligung des Senders an Co-Produktion Kino, sofern die Redaktionsmehrheit positiv votiert. C. unterstützt.  
»FR« und »SZ« bringen kurze Pressemitteilungen über das Projekt, die ein mögliches Produzenteninteresse auf dem Kinomarkt verstärken könnten.
 
1. Juni Köln  
Kontakte mit Basis Film scheitern: die Firma hat weder Finanz- noch Personalkapazitäten. Basis-Film reicht an Road Movies (Wenders) weiter. Verabredung Berlin.  
Die norwegische Presse übernimmt die »FR«-Meldung und bringt zwei größere Artikel über das Filmvorhaben. Die von C. empfohlene Verbindung zu NorskFilm/Oslo wird konkreter, die angekündigte Produktionsbeteiligung auf ca. 150.000 beziffert.
 
9. Juni Berlin  
Treffen mit Road Movies und eine Begeisterung, die mich mißtrauisch macht: Schwierigkeiten bei der Finanzierung, na klar, aber das werden wir schon schaffen. Beidseitige Hoffnung, daß der WDR mit einer Beteiligungszusage über die erste, Durststrecke hilft.
 
13. Juni Stuttgart  
Prozeßeröffnung Filbinger gegen R. Hochhuth. R.H. ist erschienen, der Kläger läßt sich vertreten. Ich staune über die Filbinger-Anwälte: eine etwas schmierige Figur, wie man sie eher bei Scheidungen trifft, sowie Augstein (Hannover), der ganz auf Blauäugigkeit macht, nur leider mit den Dokumenten nicht vertraut ist. A. beschwört ein neues Klima der Bürgerverfolgung, der Einhalt geboten werden müsse. Aber er meint nicht etwa die Berufsverbotsopfer (drei im Zuschauerraum), sondern seinen Mandanten, den er verleumdet sieht. A. in der Pose der Kollektivschuld: wir haben alle Dreck am Stecken; Heuchler, die auf uns Ältere zeigen, aber nur zu jung sind, um nicht verstrickt worden zu sein. Augsteins Pech: das gesamte Gericht ist unter fünfzig und bezieht den Titel auf sich. Es fehlt jede nur halbwegs überzeugende Strategie der Klägerseite.  
Fotos für die spätere Prozeßrekonstruktion in der Rahmenhandlung des Films gemacht.
 
16. Juni Kiel-Oslo  
Am frühen Morgen läuft das Schiff in den Oslo-Fjord. Ich sehe die Szenerie mit völlig anderen Augen als beim letzten Norwegen-Aufenthalt: ein schöner Platz für die Offiziers-Etappe, nicht einmal von englischen U-Booten gestört. Die Sommerhäuser entlang des Fjords machen einen verschlafenen Eindruck. So muß es bei der Besetzung gewesen sein, als ein simpler Trick genügte, um die Feuerwachen zu überrumpeln.  
Vor der Stadt-Kulisse stehen neben mir deutsche Passagiere auf Deck. Zwei erklären ihren mitreisenden Frauen die Sehenswürdigkeiten. Sie waren schon in Uniform hier und sind gute Führer. Mit der Geschichte des toten Soldaten im Kopf ist mir neben den Davongekommenen, vielleicht auch den Mördern, zum Kotzen.  
In der Festung Akershus, wo der Soldat an den von Filbinger befehligten Kugeln starb, ein Heimatfront-Museum und Andenken des Widerstands. Finde Details, die in den Film müßten. Die Nationalität der Besucher steht im umgekehrten Verhältnis zur touristischen Frequentierung des Landes: auf dem Schiff noch überwiegend Westdeutsche. Hier binnen drei Stunden keinen einzigen Bundesbürger getroffen, aber alle anderen Nationalitäten.  
Am Nachmittag zu den dokumentierbaren Orten der Geschichte des Soldaten: Ostbahnhof, die Prostituierten-Absteige und die Kaserne in der Sofienbergschule. Mache Fotos, um sie mit alten Aufnahmen zu vergleichen, die ich über das Archiv des NTB noch zu finden hoffe.
 
18. Juni Oslo  
Treffe »Marie«, eine inzwischen schon alte Frau, auf deren Bild der »stern« eine Abschußprämie von 10.000 ausgesetzt hat. Aber obwohl norwegische Fotografen ihre Identität kennen, macht niemand das Geschäft, denn sie hat erklärt, anonym bleiben zu wollen. Wär das bei uns möglich?  
R.H. hat mich gewarnt vor der Erinnerung der Überlebenden. Marie erzählt über »mütterliche Gefühle« zu dem Soldaten, aber diese Geschichte ist bruchstückhaft. Mir ist es peinlich zu fragen, wovon sie denn damals lebte, alleinstehend mit einer Tochter, und wie sie den Jungen im Versteck ernährte. Marie weint. Ich sehe ein, daß es keinen Sinn hat, wie ein Polizist zu recherchieren und breche ab. Marie möchte die noch bei Hannover lebende Mutter des Soldaten kennenlernen. Ich verspreche zu vermitteln.  
Zum Abschied zeigt mir »Marie« ein Foto aus jenen Tagen: eine wirklich schöne Frau.
 
20. Juni Oslo  
Besichtigung der Studio-Anlagen Norsk-Film, die ihre Coproduktionsabsicht bekräftigt.
 
21. Juni Oslo  
Über verschiedene Umwege Treffen mit P., der seit 15 Jahren die Nazi-Okkupation Norwegens dokumentiert. Beschließen, weitere Filbinger-Urteile zu suchen, nachdem er bereits mit anderen Materialien aufwarten konnte, die auf die Spur führen.  
P. erzählt mir nachts seine und die Geschichte des Osloer Widerstands. Irgendwann, bei den Geiseln, denen die SS ein paar Tage vor Kriegsende die Köpfe einschlug, um sie anschließend in verschiedenen Kisten bei den Hafenanlagen zu versenken, hört er auf, und wir schweigen uns an. Nach einer weiteren Stunde, in der wirklich kein Wort fällt und wir beide einfach heulen, geht er.  
Kann die 4. Nacht nicht einschlafen. Arbeite an Drehbuchteilen, die mir jetzt plastisch sind.
 
23. Juni Oslo  
Neues Filbinger-Urteil gefunden: sechs Monate Gefängnis für einen achtzehnjährigen Soldaten, der in der Weihnachtsnacht auf Wache an seine verschollene Familie dachte und darüber einschlief.  
Tagsüber in der UB, um Mikro-Filme der »Deutschen Zeitung in Norwegen« 43-45 anzufertigen.
 
26. Juni Oslo  
NTB verlangt für die bloße Einsicht in das historische Fotomaterial 1000. Gestern an einen anderen Informanten 3000 gezahlt. Nur P. weist jedes Honorar kategorisch ab, obwohl ihn die tägliche Suche nach Arbeitsschluß um seine Freizeit bringt. Bisherige Projektausgaben: ca. 8000 nur für Reisen, Telefon usw. In einer Woche bin ich blank.
 
11. Juli Köln  
Tiefschlag: Canaris teilt telefonisch mit, daß Rohrbach abgelehnt hat, R. H. und mir Drehbuchauftrag zu erteilen, obwohl die gesamte WDR-Redaktion mit einer Ausnahme für Beteiligung stimmte.
 
12. Juli Köln  
Road Movies zieht nach WDR-Absage Produktionsinteresse und Vorvertrag zurück. Das Projekt kippt. R.H. sieht seine Einschätzung bestätigt.
 
13. Juli Stuttgart/Mainz  
Urteilsverkündung. In der Nacht neue Dokumente aus Oslo an R.H. gegeben. Larmoyantes Plädoyer Augsteins, aber das Gericht weist die Filbinger-Klage ab. Heftiger Applaus im Saal.  
Am Nachmittag mit R.H. nach Mainz. Das ZDF bringt um 21 Uhr eine Live-Stellungnahme von R.H., während ich bei Segler einen Einstieg des Großen Fernsehspiels erkunde. Zumindest ehrlichere Argumente als im WDR: Stoff politisch nicht durchsetzbar. Nach der »heute«-Sendung kommt R.H. mit Kronzucker, Appel und anderen. Filbingers Rücktritt sei unabwendbar; jedenfalls wird er jetzt auch von dem anwesenden CDU-Sympathisanten gewünscht.  
S. bietet gegen Mitternacht an, bei größeren Produzenten zu vermitteln.
 
20. Juli Koblenz/Köln  
Stöbere im Bundesarchiv nach Spielfilmausschnitten »Titanic«, die als Zitat verwendet werden sollen.  
» stern« zahlt 5000 für Veröffentlichung eines Teils der Osloer Funde. Kann weitermachen.  
Anruf CCC-Film: Segler hat das Drehbuch an Brauner weitergegeben, der es gut findet und produzieren will.
 
10. August Köln  
Das lokale Boulevard-Blatt »Express« bringt aus mir unerfindlichen Gründen einen Aufmacher mit dem Titel » Kölner verfilmt den Fall Filbinger«.
 
14. August Köln  
Seit Donnerstag steht das Telefon nicht mehr still: tagsüber aufmunternde Worte, sogar Angebote, über die eigene Soldatenzeit in Norwegen zu berichten, nachts anonyme Drohungen, von denen die gegen fünf Uhr morgens am unangenehmsten sind. Einfach nur Klingeln und dann Schweigen in der Leitung. Wegen verschiedener brieflicher Warnungen, die Hände von dem Film zu lassen, oder es passiere was (was?), bietet mir Joachim an, für ein paar Tage zu ihm zu ziehen.
 
15. August Köln  
Ich zähle den 300. Anruf. Gestern Presseerklärung des »Evangelischen Arbeitskreis der CDU«, der zu enthüllen hat, ich wäre 75 in Nordvietnam gewesen und habe in Hanoi über die Solidarität gegen den US-Krieg gesprochen (stimmt), sei bereits vorher aufgefallen und »einschlägig bekannt« (stimmt wohl auch).  
Führt die CDU eine private Kartei oder benutzt sie die des Verfassungsschutzes?
 
16. August Köln  
Rohrbach, der bisher jede schriftliche Mitteilung über die Gründe seiner Ablehnung vermieden hat, obwohl R.H. und ich anmahnten, gibt auf wiederholte Vorsprache der WDR-Redaktion zum besten, niemand solle glauben, es gebe politische Motive für seine Weigerung. Im Gegenteil. Er habe mit Hübner parliert und beide hätten sich versichert, daß sie politisch vorurteilsfrei wären gegenüber dem Thema. Allein: R.H. sei eben kein guter Schriftsteller und ich als Drehbuchautor auch nicht zu gebrauchen. Das wisse er von meinem letzten Film (den er übrigens nie gesehen hat). Also Qualitätsgründe! Im übrigen mangelnde Aktualität ausschlaggebend.  
Warum hat die CDU vor einem Film Angst, der nach Meinung der SPD-Oberen des WDR nicht mehr »heiß« ist?
 
24. August Köln  
Heute eine Warnung der CDU an SPD: die Baracke solle wegen brauner Vergangenheit den »Nachkriegskonsens aller demokratischen Parteien« einhalten. Die Besinnung auf die Krähenordnung meint im Klartext: hackt ihr weiter unseren Filbinger, kratzen wir eurem Carlo Schmid die Augen aus. Sch. hat auch Todesurteile gefällt, aber nur in Frankreich.  
Kennt Rohrbach vielleicht den »demokratischen Konsens«?  
Nemeczek resümiert im »stern« neue deutsche Filmprojekte und schreibt - mutig, mutig - es mangele an gegenwartsnaher Kinoware. Auf der letzten Seite derselben Ausgabe bringt es unter der Überschrift »Geld von drüben?« und im Kleingedruckten eine amüsierte Meldung im Telegrafenjargon: in Köln wolle einer die Filbinger-Geschichte verfilmen, na ja, aber die Sache werde wohl nichts. Aus einem Telefongespräch, das ich nicht wichtig genug nahm, konstruiert er die öffentliche Vermutung, diese Kölner Type brächte es fertig und würde sogar mit Ost-Geldern drehen. Schräge Sache, was?  
Armer N.
 
28. August Köln  
Rohrbach ist inzwischen der Meinung, der Film könne vielleicht im Kino was werden. Danach scheint er sich mit dem Münchner »Filmverlag« abgesprochen zu haben: dort hält man das Buch für TV-geeignet, aber im Kino unmöglich.  
Diese ganze Münchner Clique hat eine neue UFA etabliert, die sich an Bonner Subventionstöpfen labt (auf Schuldenbasis, versteht sich), aber das fortschrittliche Publikum glaubt immer noch, es mit seinesgleichen zu tun zu haben.  
Heute ruft ein Mitglied der Projektkommission des Bundesinnenministeriums an, um nachzufragen, ob was an der »stern«Meldung dran ist. »Sehr unglücklich«, sagt er.
 
4. September Berlin  
Auch die Ziegler-Produktion winkt ab. Dasselbe Lamento wie bei den Münchnern. Sie leben vom Geld der Parteigremien (was sie beklagen), werden immer erfolgreicher, und wundern sich dann, daß sie nicht mehr die Filme machen können, derentwegen sie mal angetreten sind. Was die CDU bis 66 nicht geschafft hat, erledigt die SPD auf dem Subventionsweg: Luft ablassen und ernstere Turbulenzen vermeiden.  
Am Abend bei Brauner. Das Gremien-Gemauschel kotzt ihn an. Der erste, der den Stoff in eine praktische Beziehung zu seinen eigenen Überzeugungen setzt. Er erzählt mir seine KZ-Geschichte.
 
5. September Berlin  
Die überarbeitete Kalkulation -klettert auf über 1,5 Millionen trotz Schwarz-Weiß und Verzicht auf große Gagen. Das Geld bleibt in der historischen Ausstattung Oslo 43-45. Muß nach dem BMI auch noch bei der FFA einreichen, obwohl dort Filbingers Parteifreunde sitzen. Das ganze ist hoffnungslos. Kluge hat mal gesagt, das wäre keine Zensur, aber man müsse sich trotzdem unterwerfen. War das richtig?
 
10. Oktober Köln  
Ablehnung von sämtlichen angeschriebenen Fernsehanstalten. Zuletzt Radio Bremen: langfristige Sendeplanung, keine Co-Produktionsgelder usw.  
A. vermittelt Kontakt zur BfG Frankfurt, nachdem ein wichtiger Gewerkschaftsmensch erklärt hat, der DGB wolle in Oslo ein Denkmal für den erschossenen Soldaten bauen. Hmm.  
Leider hat auch die BfG kein Geld und macht auf das Risiko einer Finanzierung aufmerksam, die auf den Sand nicht nachweisbaren Publikumsinteresses gebaut ist.  
Das Vorstandsmitglied bittet um geschäftliches Verständnis. Ich versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein mag, als die Gewerkschaften noch gegen das bürgerliche Filmmonopol kämpften: 1920-30.
 
5. November Berlin  
Gespräche mit zwei Mitgliedern der BMI-Subventionskommission, die bereits vor Kenntnis des Drehbuchs bestätigen, daß die Sache nicht sehr aussichtsreich ist.  
Mache ein paar müde Versuche, die nach Lobby aussehen könnten, aber laß es dann sein.
 
28. November Köln  
Das BMI hat die beantragten 250.000 verweigert, wie üblich ohne Begründung. Über eine Ecke höre ich, es sei nicht völlig aussichtslos gewesen. Für tiefere Diskussionen habe die Zeit gefehlt.  
An diesen vertraulichen Mitteilungen ist immer das Unangenehmste, daß nicht klar wird, ob der Informant einen nur schonen will. Vielleicht ist das Drehbuch wirklich miserabel und die Kollegenrücksicht verhindert offene Worte.  
Kenne diese Nagewirkung von anderen Projekten: im Lauf der Zeit weiß ich nicht mehr, ob ich mir selbst über den Weg trauen soll. Der ins Auge gefaßte Drehbeginn platzt zum zweiten Mal. Der Film kommt auf keinen Fall im Frühjahr ins Kino.  
Schauspieler, mit denen ich arbeite, drängen auf Entscheidung wegen anderer Termine. Es ist wie auf dem Bahnhof: die Reisenden sind versammelt, aber der Zug fährt nicht ein.  
Zur Beruhigung: Rohrbach hat natürlich kein anderes Buch gefunden, das ihm und Hübner bei der Realisierung Vorurteilsfreiheit in Sachen Filbinger helfen würde. Dafür haben sie eine Million für den »Holocaust«Ankauf ausgegeben. Na bitte!  
Leider kommt in meiner Filmvorlage die Judenverfolgung nicht vor, was den moralisch-politischen Einstieg der professionellen Beurteiler zu erschweren scheint. Ihre Erkenntniskategorien sind über den Antisemitismus der Nazis erhaben, aber den Skandal der Ermordung von über 10.000 Wehrmachtssoldaten durch die eigene Militärjustiz kriegen sie nicht ins Blickfeld: kalter Kaffee!  
R. H. flucht auf die Feigheit der westdeutschen Fernsehredaktionen, aber das ist ein bißchen so, als würde ich das Bertelsmann-Lektorat beschimpfen. Er muß nicht von leben.  
Drehbuch zum zweiten Mal bei der Projektkommission der FFA eingereicht, in der CDU/CSU-Mitglieder faktisch eine Sperrminorität haben.
 
11. Januar 1979 Berlin  
Treffen mit SFB-Dramaturgie, das Common-Film vermittelt hat. Beteiligung nicht ausgeschlossen, sofern die FFA fördert.
 
15. Januar Berlin  
Nach verschiedenen Telefonaten bei Struve, der den Berliner Filmmarkt koordiniert. Zuletzt hab ich ihn bei der Verleihung irgendeines Literaturpreises an Peter Schneider gesehen: das war 67 und damals turnte Str. um Schütz herum, der absolut nicht zum Sprechen kam, weil auf den hinteren Bänken der SDS randalierte. Jetzt sitz ich in einem wirklich großräumigen, vollklimatisierten Büro mit Blick auf den Tauentzien und kriege trotzdem einen der Platzangstanfälle.  
Str. ist aufgeschlossen und sieht keine Schwierigkeiten für die Erteilung einer Berlin-Subvention (30 Prozent), sofern mehr als die Hälfte der Dreharbeiten hier abgewickelt wird.
 
17. Januar Berlin  
Das FFA-Sekretariat meint, die Finanzierungsunterlagen seien nicht ausreichend. Als ich auf die mündliche Zusage Struwes verweise, scheine ich den Namen von Hans-Guck-in-die-Luft erwähnt zu haben: bodenlose Projektmacherei, nichts wert ohne Brief und Siegel der Berliner Konsortialbank etc. Neulich haben diese Banker ein paar Millionen in zwei Ami-Projekte geschossen, die als deutsche Filme verkauft werden: »Steiner« und »Armer Gigolo«. Ob sie da auch so zimperlich waren?  
Am Nachmittag im Besetzungsbüro, um Berliner Darsteller ausfindig zu machen.
 
6. Februar Köln  
Wolfgang Staudte nennt die BRD einen »Rechts-Staat im wahrsten Sinne des Wortes« und ist über die »Holocaust«-Folgen betroffen: wie kann in diesem Land erschüttern, was wir alle seit 45 wissen müßten, fragt er. Zu Filbinger: daß es ihn anwidert, Mitbürger eines Mannes zu sein, über dessen Taten schon wieder Gras wächst, als sei nichts gewesen. Staudte scheint weg zu wollen. Von Amsterdam ist die Rede.  
Jemand Schlaues sagt, so ginge das doch nicht und St. würde eben alt. Klar wird er alt. Aber worüber ist er grau geworden: nach 45 die besten antifaschistischen Filme gemacht, zu Beginn der 50er von der DEFA in den Westen und hier eher gelitten als begrüßt. Akzeptiert zwischen Auschwitz-Prozessen und Mauerbau, als er »Rosen für den Staatsanwalt« drehte. Nach dem 13. August Berufsverbot durch Bundesinnenministerium, weil er antikommunistische Stellungnahmen ablehnt. Bis 66 ökonomisch so weich geklopft, daß er Fernsehen machen mußte, mußte' Und heute sagen dieselben, die ihn soweit gebracht haben und ein paar Sektierer: wie is' er doch alt geworden.  
Wenn es überhaupt einen gibt, der »jung« ist im BRD-Film, »deutsch«, politisch unbestechlich, dann Staudte. Aber statt ihm den Platz eines wirklichen Doyens zu bieten, reimportiert meine Filmgeneration abgetakelte Hollywood-Schnulziers. Eine Schande. Was hab ich zu klagen, Wolfgang, gegen Deine Erfahrungen?!
 
20. Februar Köln  
Schütte bringt in der »FR« ein ganzseitiges Interview mit dem bekannten F. Obwohl sich beide anstrengen, herauszufinden, warum sich außer bei F. nichts Links-Kreatives tut im deutschen Film, bleibt die Sache unaufgeklärt, außer daß, wenn alle Filme machen würden wie F., wir schon weiter wären. Das leuchtet ein!  
Lobby für FFA-Projektförderung bei Witte, Rohrbachs WDR-Nachfolger, der bereits hausintern und als einziger in der Redaktion gegen den Film gestimmt hatte. Das Gespräch bringt nur eine neue Ablehnungsvariante: das Buch würde zwischen historischer und zeitgeschichtlicher Behandlung hin- und herschwanken, statt eins von beiden zu behandeln: entweder Oslo 43-45 oder BRD 78. Ich sage, daß ich schon nicht einverstanden war, als das ZDF anbot, aus der Geschichte die Jetzt-Zeit zu streichen und die Personen unkenntlich zu machen und daß sich daran nichts geändert habe. W.: Ob ich glaube, daß er ängstlich sei. Lächerlich. Für packende Bearbeitung brisanter Themen immer zu haben und mit Böll-Verfilmung usw. längst bewiesen. Umso besser, sage ich, und wir fangen wieder von vorne an. Als ich gehe, ist klar, daß er in der FFA dagegen stimmen wird.  
Am Nachmittag zwei Telefonate mit anderen Kommissionsmitgliedern. Danach das Gefühl, saure Milch zu verkaufen. Bevor ich zum dritten Mal wähle, denke ich, daß sie das Drehbuch eigentlich kennen müßten und mein Gespräch nur meine Stimmlage vermittelt. Außer dem Buch habe ich nichts anzubieten. Also lege ich auf.
 
15. März Hannover  
Heute Tagung der FFA und Entscheidung über vorletzte Finanzierungschance des Films über Filbinger.  
Das Gremium ist zur Abwechslung in Stuttgart zusammengetreten, wohin es von Filbinger, ich wiederhole: von Filbinger geladen worden ist, als dieser noch Ministerpräsident war. Zweck des Gedankenaustausches am Rande der Projektentscheidungen: gemeinsam interessierende Fragen der westdeutschen Filmförderung, denn auch die Stuttgarter Landesregierung ist an den Subventionsausschüttungen der FFA beteiligt.  
Nach dem Abendessen mit den Parteifreunden des Marinestabsrichters a. D. werden die Eingeladenen darüber nachgedacht haben, ob mein Drehbuch nun wirklich so gut ist, daß daraus unbedingt ein Film entstehen müßte.  
Als ich von diesen Umständen höre, die N., bescheiden wie er ist, »eine Koinzidenz« nennt, leg ich mich hin und versuche nicht daran zu denken, was bevorsteht. Barbara macht eine Vorführung von Rosselinis »Rom, offene Stadt«, und nach der Treppenszene zwischen Pina und Manfredi fühle ich mich ruhig genug anzurufen.  
Die Kommission hat abgelehnt.  
Im Kinosaal Ende des Rosselini-Films: Der Priester wird zum Schafott geführt, das Peleton zielt daneben und der liberale Offizier gibt den Fangschuß. Marcello und die anderen Kinder weinen. Mit meinen Kinonachbarn schließe ich mich an.
 
16. März Hannover  
Telefonat mit Berlin. Der SFB hat abgelehnt.
 
1. Mai Köln  
Brauner ermuntert, eine ausführliche Begründung zum Widerspruch gegen den FFA-Entscheid zu schreiben, der die Ignoranz auf die Spitze treibt: die Geschichte von Leben und Tod des Soldaten, der nicht mehr kämpfen wollte, sei »langweilig«, »schlecht recherchiert« und »ohne Brisanz«. Zum Schluß heißt es: »Auch die Wirtschaftlichkeit des Projekts wird negativ beurteilt. Erfahrungsgemäß ist das allgemeine Interesse an einer aktuellen Frage schon wieder erloschen, wenn ein darauf basierender Film fertiggestellt ist.«  
Dieser Zynismus ist nicht ohne Wahrheit: 34 Jahre ist es gelungen, Hans Filbingers Osloer Kommando »Feuer« zu vertuschen,  
aber erst 12 Monate wird versucht, diese Tat in die Kinoöffentlichkeit zu bringen. Wer die Bürger dieses Landes 34 Jahre für dumm hält, der traut ihnen auch aktuell nur ein Kurzzeitgedächtnis zu.  
Daß dem FFA-Urteil eine längerfristige Diagnostik am Verstand des Publikums zugrunde liegt, darauf verweist der Zusatz »erfahrungsgemäß«.  
Merke: ein Volk, das nicht muckt, gilt selbst bei seiner Herrschaft für blöd. Sie stellt ihm ein Armutszeugnis aus.
 
30. Mai Hamburg  
Die Projektkommission der FFA hat meinen Widerspruch verworfen. Brauner erklärt sich außerstande, mit über einer Million ins Risiko zu gehen.  
Meine Gesamtkosten nach endgültiger Aufgabe des Films: nicht überschaubar. Schulden: 9000.  
Telefoniere noch mal mit Frankfurt. Hat der DGB das Denkmal in Oslo gebaut? Natürlich nicht. Aber inzwischen ist Carstens Bundespräsident geworden. Auch eine Entwicklung.