1979/07 Rudi Finkler: VergangenheitsbewältigungDer Rosa Winkel bleibt
Konkret 07/79, S. 18  
Rudi Finkler  
Vergangenheitsbewältigung
Der Rosa Winkel bleibt
 
Die Bundesregierung hat erklärt, warum die Männer mit dem Rosa Winkel, homosexuelle Nazi-Opfer, die das KZ überlebten, immer noch keine Entschädigung bekommen  
In einem Schreiben an den Bundestagsabgeordneten Hajo Hoffmann (SPD) bat der »Kommunikationskreis Homosexualität Saarbrücken« zu Beginn des Jahres, »sich dafür einzusetzen, daß KZ-Insassen, die auf Grund ihrer Homosexualität interniert wurden, eine Entschädigung erhalten«. Denn bis heute, noch zehn Jahre nach der teilweisen Abschaffung des Paragraphen 175, gibt es keine Wiedergutmachung an homosexuellen KZ-Häftlingen.  
Da dieses Problem in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist, konnte auch Hajo Hoffmann sich kaum vorstellen, daß es eine so offensichtliche Benachteiligung von Homosexuellen gibt. Er fragte deshalb beim Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung an. Der gab den Schriftwechsel weiter an den Bundesfinanzminister. In einem Antwortschreiben begründete dessen Parlamentarischer Staatssekretär Karl Haehser jetzt ausführlich, warum eben noch lange »nicht jedes Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung« eine Entschädigung kriegt.  
Voraussetzung dafür sei, »daß das Opfer der NS-Verfolgung aus Gründen politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus oder aus Gründen der Rasse, des Glaubens oder der Weltanschauung ... verfolgt worden ist ... « Da passen Homosexuelle halt nirgends rein.  
Karl Haehser meint weiter, daß es »bei Verstößen gegen Strafrechtsnormen ohne spezifisch nationalsozialistischen Unrechtsgehalt« darauf ankommt, »ob der gegen den Nationalsozialismus gerichtete , politische Charakter der Straftat und des Täters in Erscheinung getreten ist und die Tat überwiegend zur Bekämpfung des Nationalsozialismus begangen worden ist.« Danach müßten Schwule wohl nachweisen können, daß sie mindestens »Scheißfaschismus« gesagt haben, wenn sie mit 'nem andern Mann im Bett lagen.  
Aber das ist noch nicht alles. Für Haehser ist »entscheidend, wie die Verfolger den Betroffenen beurteilt haben und aus welchen Gründen sie gegen ihn eingeschritten sind«. Mit anderen Worten: Die Bundesregierung läßt sich heute noch von den Faschisten vorschreiben, wen sie als Verfolgten des Nazi-Regimes anerkennt. Das ist die grausige Umkehrung eines Filbinger-Satzes: Was damals Unrecht war, kann heute nicht Recht sein.  
Nun stimmt es aber gar nicht, daß der Paragraph 175, der bis 69 gültig war, keine spezifisch nationalsozialistische Strafrechtsnorm war. Am 28. Juni 1935 wurde dem seit 1872 gültigen 175er, nach dem nur »beischlafähnliche Handlungen« bestraft wurden (das heißt: Analverkehr, den man ja selten nachweisen konnte) noch ein Paragraph 175 a hinzugefügt und damit die Strafverfolgung erheblich verschärft. Das führte dann zur Ermordung Zehntausender von Homosexuellen. War die sogenannte einfache Homosexualität vorher nicht bestraft worden, so konnten nun zwei Männer wegen jeder Zärtlichkeit oder als solche zu deutender Berührung verurteilt werden.  
Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, äußerte sich am 17. Februar 1937 in einer Geheimrede vor SS-Größen zum Thema Homosexualität: »Seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden sind die germanischen Völker und insbesondere das deutsche Volk männerstaatlich regiert worden. Dieser Männerstaat ist aber jetzt durch Homosexualität im Begriff, sich selbst kaputt zu machen.« Dann ordnete er an, daß Homosexuelle in der SS »selbstverständlich in jedem Fall öffentlich degradiert und ausgestoßen und ... dem Gericht übergeben« werden sollten. Und: »Nach Abbüßung der vom Gericht festgesetzten Strafe werden sie auf meine Anordnung in ein Konzentrationslager gebracht und werden im Konzentrationslager auf der Flucht erschossen.«  
Vierzehn Tage später nahm dann die SS-Zeitung »Das schwarze Korps« ihre Hetze gegen Homosexuelle wieder auf. Bereits 1935 war dort ein Artikel des Rechtshistorikers Prof. Karl-August Eckhardt mit dem Titel »Widernatürliche Unzucht ist todeswürdig« erschienen. Die Zahl der wegen Homosexualität Verurteilten stieg von 991 im Jahre 1932 auf 24.450 in den Jahren 1937 bis 1939. Im November 1941 verfügte der Führer: »Für die Angehörigen der SS und Polizei tritt an die Stelle der §§ 175 und 175 a des Reichsstrafgesetzbuches folgende Strafbestimmung: Ein Angehöriger der SS und Polizei, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit dem Tode bestraft.«  
Umgebracht wurden auch unzählige andere Häftlinge, die, meist nach Verbüßung ihrer Gefängnisstrafen, in ein Konzentrationslager gesteckt wurden. Besonders hervorgetan bei ihrer Verfolgung hat sich der Leiter der 1936 errichteten »Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung«, Kriminalrat Meisinger. Daß diese Zentrale nicht nur Schwule, sondern auch Frauen, die abtrieben verfolgen sollte, ist kein Zufall. Beides wirkt sich ja nach nationalsozialistischer Auffassung ungünstig auf die Produktion von arischem Nachwuchs aus.  
Wissenschaftlich unterstützt wurden die Nationalsozialisten vielfach durch Mediziner, Juristen oder Historiker. Besonders erwähnt seien hier der Jurist Dr. Rudolf Klare und der Medizinalrat Dr. Boeters. Der erste sprach von der »Ausmerzung Entarteter zur Reinhaltung der Rasse«, der andere gab sich schon damit zufrieden, daß den Homosexuellen die Hoden entfernt würden.  
Diese grausige Tradition setzen auch heute Wissenschaftler in der BRD fort. In dem letztes Jahr erschienenen Forschungsbericht der Universität des Saarlandes heißt es: »Tierexperimentell mehrfach unterstützt hat sich gezeigt, daß stereotaktische Ausschaltung des sogenannten sexuellen Verhaltenszentrums ... zu einer Reduktion des Sexualtriebes führt. Dies bedingt einmal, daß homosexuelle Verhaltensweisen kontrolliert und den Erfordernissen der Gesellschaft angepaßt werden können...« Als beteiligte Forscher sind angegeben: Prof. Dr. Gerd Diekmann, H.J. Horn und H. Schneider.