Konkret 07/79, S. 4
 
intern
 
Auszug aus einer Sendung der »Europawelle Saar«, SR 1, am 1. Juni 79:  
Moderator Jörg Hafkemeyer: »SEXUALITÄT KONKRET ist im Augenblick nicht zu erhalten, obwohl seit 14 Tagen in der Bundesrepublik durch den Verlag angeboten und auch verteilt an die Grossisten. Wir sind der Frage nachgegangen: Wird da ein Magazin boykottiert? Und zunächst einmal haben wir in Saarbrücken recherchiert, ob dieses Magazin hier an den Kiosken erhältlich ist. (Folgt Händlerbefragung)  
Reporter: Es gibt eine Sonderausgabe »Sexualität« von »KONKRET«, man verhindert aber, daß sie auf den Markt kommt, angeblich, weil sie pornografisch ist. Was halten Sie davon?  
Kiosk-Verkäuferin: Da halte ich gar nichts von. Wir haben so viel pornografische Hefte, die es bestimmt notwendiger haben, aus dem Handel gezogen zu werden (...)  
Hafkemeyer: Das Ergebnis unserer Recherchen: An einem Kiosk von neun von uns aufgesuchten haben wir das Heft bekommen. Unser erster Gesprächspartner heute abend ist Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch, Leiter der Abteilung Sexualwissenschaft des Klinikums der Universität Frankfurt/Main und erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Guten Abend, Herr Prof. Sigusch. Vielleicht beschreiben Sie erst einmal: Was ist das für eine Sonderausgabe SEXUALITÄT KONKRET?  
Sigusch: Wir haben versucht, nach langem Abstand einmal eine Bestandsaufnahme zu machen, und zwar nach dem Ende der Liberalisierung, die ja das Sexuelle auch betroffen hatte - nun in einer Phase der Entliberalisierung. Und wir haben das gemacht in einem Verbund aller namhaften Forscher und Wissenschaftler in diesem Gebiet, den es in dieser Konzentration noch nicht gegeben hat. Es wird im ganzen die kulturelle Situation des Sinnlichen und Sexuellen in unserer Zeit betrachtet. Und das in einem höchst kritischen Sinne. D.h. wir sagen, daß wir uns in einer Phase des Sittenverfalls befinden. Wenn nun ein derartiges Heft, das den Sittenverfall darstellt, wissenschaftlich kommentiert und analysiert, nicht an den Leser kommen kann, ist das auch ein Stück Sittenverfall.  
Hafkemeyer: Wie bewerten Sie, Herr Professor Sigusch, den Vorgang, daß ein solches Heft nicht ausgeliefert werden kann?  
Sigusch: Ich muß gestehen, obwohl seit IS Jahren mit diesen Themen befaßt und früher selber Forscher auf dem Gebiet der Pornografie und als solcher Sachverständiger vor dem Deutschen Bundestag: Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Ich kenne andere Zensurfälle, die eigentlich ja täglich passieren, und über die zum Teil in dem Heft berichtet wird. Aber ich habe damit nicht gerechnet, weil in diesem Heft nur die bekanntesten Wissenschaftler und Ärzte unseres Landes berichten und analysieren. Und das nun zensieren wollen, von wem auch immer, das ist eine unerträgliche Zensur der Wissenschaft schlechthin.
 
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Michael Wolf Thomas im Südwestfunk am 9. Juni:  
Wege, etwas Unliebsames zu verhindern, gibt es immer wieder. Im § 6 des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften ist festgelegt, daß es Vertriebsbeschränkungen auch für solche Schriften zu geben hat, die nicht auf der Indexliste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften stehen.  
Die Frage, was pornografisch oder jugendgefährdend ist und was nicht, müssen also die Grossisten treffen, jene Leute also, die eigentlich die Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchexemplare in Ballen gepackt angeliefert bekommen und weiterliefern müssen. Salopp ausgedrückt bedeutet dies, daß die Umpacker die Zensoren sein müssen. Da nun in der Bundesrepublik das Empfinden von der sittlichen Wertordnung nicht überall genormt ist und dies auch für Staatsanwaltschaften zutrifft, gibt es eine regional unterschiedliche Handhabung dieser Bestimmung - in Bayern und Hamburg, wo die Staatsanwälte in Sachen Sex besonders empfindlich sind, sind auch die Grossisten besonders empfindlich.  
Nun hat die bayrische Gschamigkeit das Sonderheft » Sexualität« getroffen, das vom Neuen Konkret Verlag in Hamburg in einer Auflage von 140.000 Exemplaren gedruckt und an den Vertrieb ausgeliefert wurde. Ein Teil der Auflage kann nur beschränkt vertrieben werden, weil einige bayrische, baden-württembergische, Berliner und Hamburger Pressevertriebe die Auslieferung blockieren, eben weil sie befürchten, daß sie strafrechtlich belangt werden. Stein des Anstosses sind zwei Bilder, die kritische Texte illustrieren sollen - abnormes Sexualverhalten und praktiziertes Sexualleben.  
Da bleibt die Frage, ob man die Bilder eines Heftes, an dem so namhafte Sexualwissenschaftler wie die Professoren Sigusch, Schmidt, Kentler, Schorsch, Meyer, namhafte Journalisten wie Gerhard Mauz, Hans Eppendorfer, Günter Herburger und andere mitgewirkt haben - ob ein solches Heft nicht als Ganzes gesehen werden muß, ob man die Bilder einfach aus dem Kontext lösen kann.  
Und dann bleibt die Frage, ob die Beurteilung einer solchen Frage den Pressegrossisten überlassen werden soll - das kann ja wohl nicht im Sinne unserer Pressefreiheit sein. Was also nottut ist, daß die entsprechenden Bestimmungen in Bälde überarbeitet werden, daß man sich hier neue Wege ausdenkt.  
Was aber auch nottut, ist, daß die Pressegrossisten sich nicht dem Vorwurf aussetzen, mit zweierlei Maß zu messen. In Hamburg nämlich liefert der Pressevertrieb Nord das KONKRET Sonderheft nur vertriebsbeschränkt aus. Der Pressevertrieb Nord ist aber eine Tochtergesellschaft des Bauer-Verlages, der mit seinen Sex-und Pornogazetten ja immerhin bundesweit bekannt ist. Gerade in diesen Tagen wurden seine Publikationen »Sexy« und »Schlüsselloch« dauerindiziert. Wer denn da wohl beim Vertrieb nicht aufgepaßt hat?
 
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Am 11. Juni hat, der Münchner Oberstaatsanwalt Emrich in einem Fernschreiben sämtliche Polizeidienststellen in Bayern angewiesen, SEXUALITÄT KONKRET zu beschlagnahmen. Da die meisten Kioske Bayerns wegen der Vertriebsbehinderung durch die marktbeherrschenden Zeitschriften-Grossisten mit dem Sonderheft ohnehin nicht beliefert wurden, an anderen Kiosken das Heft bereits ausverkauft war, wurde SEXUALITÄT KONKRET, soweit dem Verlag bekannt, bis Mitte Juni lediglich in Mühldorf am Inn und am Bayreuther Bahnhofskiosk beschlagnahmt. Über die Rechtmäßigkeit dieser Beschlagnahme haben jetzt die zuständigen Amtsgerichte zu entscheiden.  
Der Oberstaatsanwalt bezieht sich auf Zeichnungen von Tomi Ungerer, die bereits vor Jahren in seinem Buch »Fornicon« (Diogenes) erschienen sind, und auf ein Foto, das die Dreharbeiten zu einem Porno-Film zeigt. Dieses illustriert den Beitrag » Was ist, wie wirkt Pornographie?«. Aber vielleicht hat sich Oberstaatsanwalt Emrich ja auch nur über ein paar dort zitierte Sätze von Karl Kraus geärgert:  
»Erlaubt un d geboten ist der offene Hin weis auf die bessere Kundschaft, weil es immer Eindruck macht und in Gerichtskreisen von der Natürlichkeit des Geschlechtstriebes überzeugt, wenn bekannt wird, daß ein Hofrat auch so etwas nötig hat. Jeder Versuch, die Unsittlichkeit abzuleugnen, ist so niedrig wie die Sittlichkeit, die sie anklagt.«  
Wer SEXUALITÄT KONKRET am Kiosk nicht bekommen konnte, weil es beschlagnahmt oder gar nicht erst ausgeliefert wurde oder weil es schon ausverkauft war, der bekommt es für 8 Mark (in Briefmarken oder als V-Scheck) frei Haus vom Verlag: Rentzelstr. 7, 2000 Hamburg 13.
 
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Und von all dem, von der aktuellen Wirkung seines Karl Kraus, weiß KONKRET-Herausgeber Hermann Gremliza noch nichts. Er macht nämlich Ferien. Und deshalb fehlt auch diesmal sein Liebstes, sein »ex-press«. Das wiederum muß noch lange nicht heißen, daß Theo Sommer in diesem Monat ungeschoren bleibt. Gremliza erholt sich in dem Bornholmer Hotel, in dem auch Sommer gern denselben verbringt.