Konkret 03/78, S. 28  
Claude Schumacher  
»Abgehalfterte Stamokaps«  
Krach bei den »Falken«, der neben den Jusos größten sozialistischen Jugendorganisation in der Bundesrepublik: Ein ganzer Bezirksvorstand wurde gefeuert und auch sonst wird reichlich geholzt
 
Als der Kandidat die Stimmenzahl erfuhr, war von Jubel keine Spur. 41 Stimmen bei 84 Delegierten - das hätte an sich nicht gereicht. Wenn nicht der Gegenkandidat Tage zuvor vom Bundesvorsitzenden ausgeschlossen und andersdenkende Delegierte überhaupt nicht eingelassen oder ordentlich geladen worden wären und, wenn man den satzungsmäßigen Delegiertenschlüssel hätte gelten lassen.  
Die Rede ist von der südhessischen Bezirks-Konferenz der Sozialistischen Jugend Deutschlands »Die Falken« Ende Dezember. Seit dieser Konferenz amtiert trotz aller Satzungs-Fragwürdigkeiten der Minderheitskandidat Michael Paris (im Falkenjargon »Karriere-Michi«).  
Für diesen Posten hatte er sich im vorherigen »Falken«-Vorstand bereits »profiliert«, als er unter dem Finanz-Druck der südhessischen Affären-SPD für die Kündigung der mißliebigen Bildungsreferentin Helge Knüppel sorgte (Hauptgrund: sie lebt mit einem DKP-Mitglied zusammen), als die Wieczorek-Zeul-orientierten Juso-Chefs die Junge Presse Hessens von SDAJIern säubern wollten und gleiches von den Falken forderten, und als er Spendengelder für ein Konto inhaftierter Antifaschisten (Paris: »Was brauchen die Affen unser Geld?«) kurzum für die Falkenkasse verwenden wollte und gleichzeitig unter »großzügiger Auslegung« der Spesenordnung das mehrfache an Sitzungsgeldern »absaß«, wie alle anderen Vorstandsgenossen zusammen. Als der Vorstand einstimmig gegen seine Praktiken Stellung bezog, trat er zurück und kurbelte, von namhaften südhessischen »Filz – Genossen« mit exakt 17.250 Mark »Spenden« ausgestattet, eine Gegenfraktion zusammen.  
Bei seiner »Wahl« waren weniger als die Hälfte aller satzungsmäßigen Delegierten anwesend. Zudem war die Bezirkssatzung zuvor noch in zentralen Punkten vom Bundesvorsitzenden der Falken, Konrad Gilges, außer Kraft gesetzt worden (»... unter Aufhebung der von der Bezirkssatzung vorgeschriebenen Fristen«, so der Gilges – Rundbrief). Gewählte Hessen-Süd – Vertreter, die dagegen Einspruch erheben wollten und auch im Bundesausschuß Stimm- und Rederecht haben, ließ Gilges am 17.12.77 im Dortmunder Fritz-Henssler – Haus kurzerhand zur Tür hinausbefördern und erreichte dort - so natürlich ohne große Gegenrede - ein Votum für sein Vorgehen: Ortsverbände, die nicht länger als 12 Monate bestanden, hätten, so Gilges, kein Stimmrecht, obwohl die zuständige Satzung das Gegenteil vorschreibt.  
Als der Bezirksausschuß, ranghöchstes Organ zwischen den Konferenzen, auch die neueren Ortsverbände mitstimmen ließ, erklärte Gilges die 28. ordentliche Bezirkskonferenz am 27.11.77 und ihre Wahlen und Abstimmungen für nichtig, setzte alle Funktionäre unter aus »Anlag eines harmlos anmutenden Satzungsstreits« (Frankfurter Rundschau) ab und berief eine erneute Wahlversammlung innerhalb von fünf Tagen ein, und dies, obwohl laut Satzung »Zwischen Einberufung und Zusammentritt der Konferenz mindestens zwei Monate liegen müssen.«  
Mißliebige Kandidaten waren mit sofortiger Wirkung von vornherein ausgeschlossen oder bekamen ihre Wahl und Mitgliedsrechte für 6 Monate stillgelegt. Mehreren Ortsverbänden wurde die Kenntnis des Tagungsorts vorenthalten oder erhielten kein Stimmrecht. Mit weiterer Satzungsakrobatik erreichte Gilges zwar, daß Paris Vorsitzender werden konnte, aber auch, daß die unterlegene Mehrheit nun vor dem Landgericht Bonn gegen ihn eine Feststellungsklage eingereicht hat.  
Zu den Betroffenen gehören neben anderen, die am 27.11.77 mit deutlicher Mehrheit (von 91 erhielten sie 51 Stimmen, bei übrigens nur 7 neuen Ortsverbänden) gewählten ersten und zweiten Vorsitzenden Hartwig Wendel und Norbert Herlein (beide Unterzeichner des Abrüstungsaufrufs), gehört Diether Dehm, bekannt als Liedermacher Lerryn (SPD-Vorstands-LP »Erkämpft das Menschenrecht«), dem Gilges schon mehrfach aus politischen Gründen den Ausschluß angesagt hatte, zu ihnen gehört Referent Klaus Willkomm, dem der Frankfurter SPD-Vorstand auf Betreiben Karsten Voigts flugs noch ein Ausschlußverfahren hinterherjagte, und Karlheinz Kolb, früherer SHB-Sekretär, der den Verband inzwischen resigniert verließ.
 
Schon in den Monaten zuvor hatte Gilges auf Gelegenheiten gespitzt, den südhessischen Funktionären »den Arsch aufzureißen« (Gilges zu Dehm). Er strich dem Querulantenbezirk Gelder, ließ mehrfach die Konten sperren, die Kassenbücher überprüfen und hatte noch einige Wochen vor dem Hessen-Rundschlag im Bundesvorstand ergebnislos den Ausschluß des amtierenden Bezirksvorsitzenden Dehm-Lerryn beantragt, weil dieser zu einer Bundesvorstandserklärung, das Großkapital übe keine politische Macht aus, in einem Bezirksrundschreiben angemerkt hatte: »Ab 11.9.77 12.47 h hat das Großkapital aufgehört, in der BRD die politische Macht auszuüben«.
 
Zu einer Veranstaltung der Frankfurter Falken mit und für Klaus-Uwe Benneter erblickte Gilges »Juso-Manieren und Einmischung«. Ansonsten bestritt Gilges jegliche politische Herleitung der »Zerschlagung der südhessischen Verbandsorgane« (Frankfurter Rundschau): »Innerhalb des politischen Spektrums der Falken sind Stamokap – Postionen keine Abweichung.« Daß dies seine Grenzen hat, hatte Gilges allerdings längst klargestellt, als er sich auf dem Bundesausschuß am 11.9.77 rühmte, »bis jetzt« eine wirkungsvolle Opposition »links vom Bundesvorstand nur durch Fraktionsbildung und ohne administrative Maßnahmen verhindert« gekonnt zu haben. Bis damals!
 
Am 4. Januar 78 jedenfalls frohlockte das südhessische SPD-Blatt »Der Sozialdemokrat« in forsch-militärischem Jargon, der »Angriff der Dehm-Truppe abgehalfterter Stamokap-Jusos ... hätte mit dem Durchgriff des Bundesvorstand abgewehrt werden können.« Nun müsse Paris »aufräumen«.  
Das Aufräumen begann postwendend: während zum ersten Male eine Berufsverbotsdemonstration in Hessen am 28. Januar ohne die Unterstützung der Bezirksfalken stattfand, verweigerte Paris sogenannten Stamokap-Ortsverbänden Mitgliedsbücher und Marken und entließ als Vorgesetzter den Sozialarbeiter des Riederwälder Abenteuerspielplatzes, Hartwig Wendel, fristlos - seinen Gegenkandidaten.

 
Alles nicht wahr  
KONKRET bat den Bundesvorsitzenden der »Falken«, Konrad Gilges, um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen seiner südhessischen Kontrahenten
 
Bei den Maßnahmen in Hessen-Süd handelt es sich keinesfalls um politische Disziplinierungen. Innerhalb des politischen Spektrums der »Falken« sind Stamokap-Positionen keine Abweichung, wir haben sogar in einem Bezirk Hauptamtliche Mitarbeiter, die der Stamokap – Fraktion zugerechnet werden. Auch in unserer konkreten, praktischen Politik als Bundesverband haben wir keine dogmatischen Positionen in der Frage des Bündnisses mit anderen Organisationen. Allerdings ist die punktuelle Aktionseinheit kein historisches Bündnis, sondern wird jeweils inhaltlich neu entschieden.
 
Die Selbständigkeit der Falken als der SPD nahestehender Organisation ist für uns nach allen Seiten wesentlicher Grundsatz. So sind wir zum Beispiel im Hamburger Berufsverbotekomitee vertreten, wir arbeiten seit langem im Antiimperialistischen Solidaritätskomitee mit und haben unsere Mitglieder bundesweit aufgefordert, sich an der Friedens- und Abrüstungsdemonstration vom 21. Mai 77 zu beteiligen. Einzelne Landesverbände und Funktionäre, die entgegen unserer Empfehlung sich auch durch Unterschrift und Redebeiträge beteiligt haben, wie Schleswig-Holstein und Ostwestfalen – Lippe, haben wir keinesfalls diszipliniert.  
In Südhessen liegen die Dinge allerdings grundsätzlich anders. Während wir bundesweit Meinungsunterschiede solidarisch ausgetragen haben und die Eigenständigkeit und Einheitlichkeit der Organisation gewahrt haben, wurden in Hessen-Süd Juso-Manieren in den Verband getragen und bestimmten den Stil der politischen Auseinandersetzung. Besonders der damalige Vorsitzende - Diether Dehm verhielt sich gegenüber dem Verband unsolidarisch und provozierte ständig Konflikte mit der südhessischen SPD und versuchte mit Hilfe der Falken südhessische Juso-Konflikte zu beeinflussen. Dies schadet der eigentlichen Aufgabe, der politischen Jugendarbeit in Hessen-Süd, erheblich.  
Was die Satzungsinterpretation betrifft, so fühle ich mich durch den einstimmigen Beschlug des Bundesausschusses bestärkt. Es wird in Zukunft darum gehen, in Hessen-Süd, einem unserer mitgliederschwächsten Verbände, die eigentliche Jugendarbeit wieder aufzubauen, und den Stil der politischen Auseinandersetzung zu verändern!