Konkret 01/78, S. 50  
Hermann L. Gremliza  
Gremlizas express
 
Kaiser Helmut I., Sieger von Mogadischu, Ritter vom eiligen Grab etc., hat feierlich erklärt:  
ich habe immer wieder - und zuletzt im Deutschen Bundestag -meinen absoluten Willen betont, den Vorschriften des Grundgesetzes zu gehorchen.  
Und ich könnte wetten, daß ich das schon mal so oder so ähnlich gehört habe.
 
»Bild« bläst den Marsch der Gänsefüßchen. Das Anführungszeichen gibt der »Spiegel«:  
Die Konferenz fordert unter anderem die Freilassung des DDR-Kritikers Bahro und die Aufhebung bundesdeutscher »Berufsverbote«.  
Vorschlag für eine gemeinsame Fassung von »Bild« und »Spiegel«:  
Die sogenannte »Konferenz« fordert angeblich unter anderem die Freilassung des sogenannten »DDR«-»Kritikers« Bahro und die sog. Aufhebung angebt. »bundesdeutscher« »Berufsverbote«.  
In der Fassung für die »UZ« werden die Gänsefüßchen ausgetauscht: Es heißt dort zwar DDR, aber dafür »Bahro«.
 
Siegfried Schmidt-Joos, das Bein, mit dem der »Spiegel« im Schallplattengeschäft steht, nimmt alles, aber gibt auch viel, zum Beispiel einigen Sängerinnen einen Rat:  
Die deutschen Rock-Miezen sollten aufpassen.  
Der Hosen-Knilch geht um.
 
Trotz Eisenbahnerstreik, Bahnwärter Theo tut seine Pflicht:  
Die Israelis sind am Zuge.  
Vor zwei Jahren standen dort die Türken, aber abgefahren ist er immer noch nicht. Zur Unterhaltung der wartenden Fahrgäste trillert Theo deshalb auf seiner gymnasialen Bildung ein Quodlibet:  
Sadat schob die Verfahrens-Quisquilien beiseite,  
daß es quisquietschte, als habe sich der Zug, an dem die Israelis sind, verfahren.  
Hier aber liegt die Crux. Jetzt müssen die Israelis aus ihrer geistigen Maginot-Linie heraus,  
die offenbar cruxweise über die Bahnsteigs-Quisquilien verläuft. Maginot ist eben überall, wo's stockt, während dort, wo's kracht, Valmy ist, wo's rübergeht der Rubikon und wo's wehtut - barfuß durch den Sommer - die Achillesferse.  
Freilich, in der Außenpolitik brauchen .sie Partner, die ihr Wollen begreifen: Richard Löwenherz und Saladin 1192 bei Akron; Zar Alexander und Napoleon 1807 auf dem Floß bei Tilsit,  
wo noch mehr Käse herkommt, als man bis zur Untersecunda gewöhnlich hat. (Vom historischen Treffen zwischen Richard Loewenthal und Theo, Sommer bei Cöllns Austernkeller erzählen die Ober prima.) Das Treffen zwischen Begin und Sadat, das die schöne Gelegenheit bot, ältere Klassenarbeiten - non scholae, sed vitae discimus -aufzustoßen, fiel Gottseidank in die Zeit,  
da in den Synagogen jene Kapitel der Genesis gelesen werden, die von der spektakulären Versöhnung zwischen Jakob und seinem Bruder Esau berichten ...  
sodaß sich auch gehabter Religionsunterricht rentiert hat. Zweifel an unserem Bildungssystem sind demnach völlig unbegründet, das heißt, sofern man später Chefredakteur der »Zeit« werden will. Aber ich schweife ab, vielmehr: ich habe in Theos Labyrinth meinen Ardennen-Faden verloren. Kurzum, so kam es, daß Begin in einem Gesprächt unter fünf Augen (Dajan war dabei) seinen Saladat also anredete: Ich und du, Jakobs Kuh, Theos Esau das bist du. Was natürlich ein Pyrrhus-Sieg war.
 
Wenn du denkst, du bist allein, mach dir dies und jenes rein:  
Détente is a protractet process, its fruits are slow in ripening.  
Ich aber gucke hinter jeden Vorhang, lese selbst »Newsweek«, ertappe dort den entspannten Theo und bringe ihn um die Früchte, die so langsam am Reifen dran sind. Zwar, Politik, sagt Max Weber, ist ein geduldiges Bohren. Aber noch schlimmer ist's, in zwei Sprachen nicht deutsch zu können.
 
Früher ließ sich der Klaus Röhl von der SED finanzieren. Wer ihn heute bezahlt, ist noch nicht raus, Hinweise gibt er aber doch:  
Seien wir einmal  
ein Mal!  
ehrlich zu unserem Publikum und nicht opportunistisch! Sagen, wir doch, liebe Genossen und Kollegen vom linken Establishment, einmal  
ein Mal (wir vom Etablishment)  
offen, daß wir dieses Gemeinwesen mit seinem geringen Maß an Mitbestimmung nicht missen wollen ... Warum dieser Staat trotz unendlich vieler Fehler dennoch ein demokratischer Staat ist.  
Wer einmal ehrlich ist, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Unwahrheit spricht.
 
Ein Vorspann - wer wen? Das wird sich zeigen - in der »Zeit«:  
Nächste Woche wird es ein Jahr her sein, daß Helmut Schmidt zum Kanzler wiedergewählt wurde. Es war ein Jahr voller unerwartetem Auf und Ab.  
Die Angst breitete sich aus - zuerst kam die vorm Konjunktiv, jetzt greift sie schon auf ehrenwerte Benutzer des Genetivs über. Der hätte in diesem Fall freilich geheißen: Es war ein Jahr voll unerwarteten Aufs und Abs.
 
Was den Liberalen der Vormärz, ist den Sozialdemokraten der »Vorwärts« - man denkt gern daran zurück, denn es tut nicht mehr weh. -Heute dagegen? Was soll man bloß über den verpfuschten Parteitag schreiben, als Titel?  
Durchgestartet trotz Gegenwind  
»Das ist der Widerspruch unserer Zeit«, sagt das Godesberger Programm, daß den größten Drang zu aeronautischen Bildern die verspüren, die Angst vorm Fliegen haben und nichts davon verstehn. Durchstarten, Starten überhaupt, wird erleichtert durch Gegenwind. Schwierig hingegen wirds bei Rückenwind, und zwar nicht nur für den Piloten, sondern auch für den Parteidichter: Durchgestartet trotz Rückenwind? Da lacht ja das Huhn, das zwar auch nicht fliegen kann, aber gackern, und gleichfalls darauf besteht, als Vogel geachtet zu werden.