Konkret 01/78, S. 40  
Günter Wallraff, Wolf Biermann  
Wallraff trifft Biermann  
Fast auf den Tag genau ein Jahr nachdem der ausgebürgerte Wolf Biermann bei seinem Freund Günter Wallraff ein erstes provisorisches West-Zuhause fand, trafen sich die beiden wieder, um eine subjektive Bilanz über zwölf Monate Bundesrepublik zu ziehen. Vor dem KONKRET-Mikrofon redeten sie über Schleyer, die »Bild«-Zeitung und scheinbar unpolitische Lieder
 
Wallraff: Ja, Wolf, damals als wir uns in der Chausseestraße, in Deiner Ostberliner Wohnung, trafen, als noch nicht vorherzusehen war, daß sie Dich über den Rand schmeißen würden, hattest Du gesagt: Wenn mir mal was zustoßen sollte, könnte ich nicht mehr schreiben, dann wäre ich erledigt. Nun hast Du aber weitergearbeitet, zum Teil mit anderen formalen Mitteln, hast Dich hier in der Bundesrepublik verhältnismäßig schnell eingemischt. Du hast Lieder gemacht, warst trotz Deiner vielen Reisen in diesem Jahr doch sehr produktiv. Würdest Du also Deine Meinung von damals revidieren?
 
Biermann: Wenn wir uns vor zwei Monaten so gegenübergesessen hätten, und Du hättest mich das gefragt, wäre ich ins Stottern gekommen. Vor Entsetzen darüber, daß wirklich das eingetroffen ist, was ich mir selber prophezeit habe. Denn es hat mir tatsächlich im ersten halben Jahr die Sprache verschlagen. Inzwischen kommt es mir so vor, als ob ich hier im Westen doch leben könnte. Für jemand, der gemacht ist wie ich, heißt Leben eben, mich im Sinne meiner politischen Absichten nützlich zu machen. Ich habe um die brennenden Fragen keinen vornehmen Bogen gemacht, sondern habe sie, so gut ich konnte, von vorne genommen. Und ich habe auch den Eindruck - wie zuletzt bei meinem Auftritt in Westberlin im Eissport-Stadion vor über 6.000 Menschen -, daß ich nicht mehr der staunende, großäugige Tourist bin in diesem Westdeutschland, sondern daß ich sehr wohl mitreden kann, inzwischen ganz gut informiert bin und daß ich den Anschluß gewonnen habe an die unmittelbaren lebendigen Prozesse in dieser Gesellschaft. Es stimmt, ich habe inzwischen eine Reihe neuer Lieder geschrieben, die sich ganz und gar mit den Verhältnissen in der DD ... -in der DDR wollte ich grad schon wieder sagen. Siehste! - die sich ganz und gar mit den Verhältnissen in der Bundesrepublik beschäftigen. Stoff genug hat es ja für einen politischen Liedermacher auch gegeben. Es ist schade, daß mir die Verhältnisse in so trauriger Weise zu Hilfe gekommen sind. Denn in diesem Jahr, das ich nun hier bin, hat sich ja die politische Landschaft drastisch nach rechts hin verändert. An Stoffen für Balladen, Lieder und groteske Songs mangelt es leider gar nicht.  
Neulich habe ich zum Beispiel eine makabre Geschichte erlebt, über die man eigentlich ein Lied schreiben müßte: In den Tagen, als Schleyer in Mühlhausen gefunden wurde, im Kofferraum eines »Audi 100«, habe ich an einer Tankstelle die »Bild«-Zeitung mit dem Foto dieses Wagens gesehen. Ich sagte zu dem Tankwart: das muß ja furchtbar sein für die Leute, die diesen »Audi 100« bauen, daß jetzt ihr Auto mit dieser schlimmen Mordgeschichte zu tun hat. Da sagt er: Wieso, das ist doch Reklame. Die freuen sich doch, daß der gerade in einem »Audi 100« lag. Der beste Beweis dafür, daß der »Audi 100« einen riesigen Kofferraum hat. Und das wird den Umsatz enorm steigern. - Da erschrak ich. Das Marktdenken hier erzeugt eine Kaltschnäuzigkeit gegenüber menschlichem Leid, die mindestens genauso groß ist wie die Kaltschnäuzigkeit, die diesem Mescalero-Buback-Nachruf nachgesagt wird.  
Ich habe etwas ganz Verrücktes mit dem Schleyer an mir selber erlebt: Als ich hier in den Westen kam und in Stuttgart auftrat, traf ich mich vorher mit Vertretern der IG Metall. Damals sang ich ja immer zu Anfang das Lied »So oder so - die Erde wird rot«, und da heißt es: »Dem Bourgeois auf die Finger schaun, das genügt nicht, - auf die Pfoten haun wolln wir das fette Bürgerschwein. So soll es sein, so wird es sein.« Also Frage der Mitbestimmung; oder der Selbstbestimmung. Und da sagten die: Mensch, Wolf, das paßt ja hier wie die Faust aufs Auge, denn wir haben hier einen Präsidenten des Arbeitgeber-Verbandes, den Schleyer ... Der sieht tatsächlich aus, wie ein kapitalistisches Übermonster, wie es in Bilderbüchern für kommunistische Arbeiterkinder hineingehört, wo die Kapitalisten ja immer dick gemalt werden und die Arbeiter immer knochig mager. Ich habe damals bei diesem Konzert in Stuttgart darüber gesprochen, daß der Schleyer, der ehemalige SS-Mann, sich besonders hervorgetan hat im Kampf gegen die Gewerkschaften, daß er sich traurige Verdienste erworben hat bei der verschärften Wiederanwendung der Waffe der Aussperrung gegen streikende Arbeiter, daß er in ganz besonders brutaler Weise die Interessen der Unternehmer vertreten und auch durchgesetzt hat. Und nun sehe ich plötzlich in der Zeitung das Bild dieses Mannes als Gefangener der RAF. Ich sehe plötzlich ein Menschen Antlitz! Ich war erschüttert darüber, daß sich dieser symbolische Kapitalistenkopf in einen leidenden, erbarmungswürdigen Menschen verwandelt hat, mit dem man nichts anderes empfinden kann als Sympathie; ein Bild, unter das ich nichts anderes schreiben kann als »Ecco homo« --- seht da, ein Mensch! Und da ich ja in politischen Kategorien denke, hat es mich doppelt erschüttert, daß es den verzweifelten Helden von der »Roten Armee Fraktion« gelungen ist aus diesem Muster eines kapitalistischen Ausbeuters mit Specknacken, mit Schmissen im feisten Gesicht, mit einem brutalen Lachen und mit zugewachsenen Fett-Augen einen Menschen zu machen, der einem Jesus Christus, dem leidenden, viel ähnlicher ist als den Wechslern, die er aus dem Tempel gejagt hat. Und das führt eben zu dieser gefährlichen Verbrüderung, von der ich in meinem Gedicht über die Beerdigung der Baader, Ensslin und Raspe spreche: »Ihr habt die Kluft so vernebelt, die zwischen den Klassen klafft« - nicht zugeschüttet, denn sie ist nach wie vor da, aber sie haben sie vernebelt, und man kann sehr leicht reinfallen.
 
Wallraff: Man muß dazusagen, daß gegenüber Schleyer in der Gefangenschaft wohl Methoden der SS angwandt wurden. Auch von daher ist der Begriff »Schleyers Kinder« richtig. In der »Bild«-Zentrale wurde der Video-Film von Schleyer gezeigt, und dort wird davon gesprochen, daß man ihm ein Hundehalsband umgelegt habe und ihn gezwungen habe zu bellen.
 
Biermann: Ich bin gerade dabei - das fällt mir schwerer als ein rotziges, freches Kampflied -, ein Lied zu schreiben über Schleyers Menschengesicht. Ich möchte in diesem Lied politisch beweisen, daß die Leute, die das angerichtet haben, den Klassenfrieden sträflich gefördert haben.  
Ja, in diesen ersten Jahr im Westen hat sich viel geändert: Als ich hierher kam, war ich sehr in Bedrängnis, und Du hast Dich sehr freundschaftlich um mich gekümmert und hast mir beigestanden. Das war wichtig für mich. Aber inzwischen bist Du in die interessante Lage gekommen, in der Du selbst Beistand, Hilfe brauchst. Du bist in größte Schwierigkeiten gekommen, die Du Dir auch redlich verdient hast mit Deinem Springer-Buch.
 
Wallraff: Ich kann mich nicht beklagen. Das war vorherzusehen. Obwohl ich meine Phantasie vorher nicht eingesetzt habe, um mir die Folgen auszumalen. Denn dann wäre ich wohl zu verkrampft geworden. Die Reaktionen des Gegners, dieses Konzerns, gehören mit zu dem Experiment, und das läuft jetzt ganz offen ab. Der Springer-Verlag spielt seine ganze Macht aus, schlägt zu. Bisher war er in seiner Macht unangefochten, war sich seiner Stärke selbstherrlich bewußt. Jetzt fängt er an, uns wie eine Dampfwalze niederzumachen.
 
Biermann: Ich habe Dich ja gestern in Deiner Veranstaltung in »Planten un Blomen« gehört. Und ich muß sagen: Was Du da über die Reaktionen berichtet hast, hat mich mindestens so beeindruckt wie das Buch, fast noch mehr, Das Buch selbst bewegt sich bei aller politischen Brisanz immer noch im Rahmen der politischen Literatur und ist in den Augen mancher Leute, die ein formales Verständnis von Moral haben, immer noch mit dem Vorwurf belastet, daß Du Dich mit den unlauteren Mitteln dort eingemischt hast, die Du gerade ankreiden willst. Inzwischen aber, seit die Springer-Leute mit ihrem riesigen Apparat diesen Kampf eines Elefanten gegen eine Mücke inszeniert haben, kriegt das Dimensionen einer griechischen Tragödie, die ja immer nach diesem Gesetz abläuft: Die Leute führen ihr Schicksal dadurch herbei, daß sie es abzuwenden trachten. Die wollen jetzt mit Brachialgewalt beweisen, daß sie nicht solche Schweine sind, und dabei kommen sie so weit mit ihrem Rüssel durch die Ritze, daß es auch die von ihnen so verachteten sogenannten »Primitivos« (Boenisch) mit eigenen Augen sehen. Wobei ich überhaupt der Meinung bin, daß die größte politische Brisanz Deines Buches nicht in der Analyse der tieferen Zusammenhänge des bürgerlichen Pressewesens liegt. Was die sogenannten einfachen Leute, die ja die Leser der »Bild«-Zeitung sind, am meisten erschüttert, das sind die scheinbar nichtigen, nebensächlichen Beispiele, an denen sie erkennen können, mit welcher Menschenverachtung diese Zeitung ihr Geschäft betreibt.
 
Wallraff: Sie erkennen, wie sie selbst nicht gerade Kanonenfutter, aber Auflagenfutter sind und überhaupt nicht mehr als Menschen gesehen werden.
 
Biermann: Ich. habe vor vielen Jahren ein Lied geschrieben, als der Dutschke geattentatet wurde. Da heißt es: »Die Kugel Nummer 2 kam aus Springers Zeitungswald, ihr habt dem Mann die Groschen auch noch dafür bezahlt.« Und viele Leute, die dem Springer seit Jahren diese Groschen zahlen, die werden durch Deine kleinen, wahrhaftigen Geschichten aus der alltäglichen Arbeit der Springer-Redaktion vielleicht ins Grübeln kommen.
 
Wallraff: Die meisten Veranstaltungen, die ich in den letzten Wochen über meine Arbeit durchgeführt habe; wurden von den Gewerkschaften getragen. Und dort waren immer auch »Bild«-Leser dabei, manchmal 20 Prozent, manchmal mehr, ganz normal »Bild«-Konsumenten, die immer wieder zu dem Blatt greifen, weil sie erschöpft sind. Wie ich es ja auch gemacht habe, als ich am Band gearbeitet habe. Das ist kein bewußtes Verhalten, sondern eine Gewohnheit. Der »Bild«-Leser hat zu. dieser Zeitung das gleiche Verhältnis wie der Drogensüchtige zur Droge: Er weiß, daß es ihm schadet, daß er belogen wird; vielleicht weiß er sogar, daß es ihn auf Dauer desorientiert, und trotzdem greift er immer wieder wie im Reflex danach. Man muß sich mit den Inhalten, die da vermittelt werden, nicht auseinandersetzen, sie sickern ein ins Unterbewußte.
 
Biermann: Ich glaube sogar, der offensichtlich reißerische Charakter der »Bild«-Zeitung ist besonders gefährlich, weil die Leser leicht die kindliche Illusion haben, sie würden das schon alles durchschauen und vertragen und kommen sich besonders klug dabei vor und sind am Ende doch die Dummen. Aber die konkreten Rezepte aus der Giftküche, die Du verraten hast, helfen vielleicht manchen, die glauben, sie könnten diesen Fraß schon ohne Schaden verdauen.
 
Wallraff: Ich bekomme aus den Betrieben sehr viele Boykott-Erklärungen gegen die »Bild«-Zeitung, unterschrieben von Belegschaften, Vertrauensleuten, Betriebsräten. Das Buch wird in den Betrieben ganz anders gelesen als bei Bildungsbürgern, bei denen es nur im Bücherregal steht. (Manche Bibliophile kaufen sich sogar alle erschienenen Auflagen, um die Änderungen zu vergleichen.) Bei Arbeitern geht so ein Buch oft von Hand zu Hand, da ist es ein wirklicher Gebrauchsgegenstand. Und dadurch rückt Springer jetzt wieder ins öffentliche Blickfeld. Der hatte sich doch nach der Anti-Springer-Bewegung von 67/68 schon zur Ruhe gesetzt, der konnte sich doch leisten, zum weltabgewandten Mystiker zu werden, weil das Geschäft lief. Vor allem das politische Geschäft. Springer war unangreifbar, unanfechtbar. Die Politiker unterwarfen sich; Schmidt sagte zum Beispiel, es sei politischer Selbstmord, sich mit der »Bild«-Zeitung anzulegen.
 
Biermann: Meinte er das ironisch?
 
Wallraff: Nein, als Ratschlag an seine Parteifreunde. Auf der andren Seite hat es »Bild« ja auch geschafft, Politiker aufzubauen. Wenn unsere ganze rechte SPD-Führung so populär geworden ist, ist das ein Verdienst der »Bild«-Zeitung. Politiker, die merken, daß sie da gestreichelt werden, verhalten sich auch entsprechend und kommen der »Bild«-Zeitung in ihren Äußerungen noch mehr entgegen. Wer aber versucht, progressive Ziele durchzusetzen, wird zum Buhmann der Nation gestempelt. Wie Jochen Steffen. Den hat die »Bild«-Zeitung in einer Rufmordkampagne fertiggemacht.
 
Biermann: Ich war kaum im Westen, da kriegte auch ich schon den »Bild«-Hammer auf die Birne. Als »Bild« die von der Staatssicherheit der DDR lancierte Lüge über meine riesige Westkohle druckte. Damals habe ich wie ein Kind darauf reagiert und habe eine Gegendarstellung verlangt.
 
Wallraff: Die ja auch auf Seite 1 erschienen ist.
 
Biermann: Ja. Aber das war ein Pyrrhussieg, denn kurz danach stand in der »Welt«: Jetzt hat er schon 450.000 Mark verdient. Und wenig später stand in anderen Springer-Zeitungen: Biermann schon Millionär? Was da über mich verbreitet wurde, hat dann auch die »UZ« dankbar nachgedruckt, und in den Verhören der Staatssicherheit wurde es gegen meine Freunde genüßlich ausgespielt. Wobei die Stasi-Leute sehr genau wußten, daß das alles ein böses Spiel ist, und sich köstlich darüber amüsierten, wie man mit Hilfe der »Bild«-Zeitung stalinistische Politik machen kann. (siehe »Spiegel«-Nr. 43-47, Jürgen Fuchs)  
Und trotzdem bin ich wieder irgendwie reingefallen, als mich die »Bild«-Zeitung vor drei Tagen angerufen hat. Es war ein Mann mit einer sympathischen Stimme, sehr menschlich. Genau wie Du es beschrieben hast. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht mit diesem Menschen reden, aber der sagte: Wir haben hier eine Meldung aus Westberlin. Stimmt es, daß Sie in »Kennzeichen D« gesagt haben, Schleyer habe sich in eine dumpfe Brüderlichkeit mit seinen Entführern begeben? Und da läßt man sich wieder verführen, sofort setzt der kindliche Wunsch ein, die Sache richtigzustellen; sofort vergißt man, daß man es ja mit berufsmäßigen Verdrehern und Lügnern zu tun hat. Man könnte es auch so darstellen: Das ist das tiefe Vertrauen, daß Menschen, wie es bei Brecht heißt, auf ewig nicht unbelehrbar sind. Brecht hat in der »Mutter« einen wunderbaren Text geschrieben über einen Genossen, der an die Wand gestellt wurde, der selbst, als er zur Exekution geführt wird, daran denkt, daß sogar die, die ihn hier erschießen, seinesgleichen sind, daß die Waffen, die sie tragen, von seinesgleichen gemacht worden sind und daß auch die Kugel, mit der er erschossen wird, von seinesgleichen gemacht wurde, nämlich von Arbeitern. Und was sind denn diese armen Schweine in der » Bild«-Zeitung arideres als Intellektuelle, die ihre Kopfgeschicklichkeit vermieten an die Leute, die das Geld und die Macht haben. Sie machen diese Arbeit, bis sie sich selbst nicht mehr kennen. Und trotzdem immer wieder die doch nicht ganz unbegründete Hoffnung, daß die auch auf ewig nicht unbelehrbar bleiben. Wie sollen wir denn überhaupt politisch was bewirken wollen, wenn wir davon ausgehen, daß die Menschen, denen man so ins Gehirn geschissen hat, immer so beschissen bleiben? Kurz und gut, ich habe diesem Mann den richtigen Text geduldig aufgesagt, und er stammelte dann, ich glaube, halb enttäuscht: Ja, das ist dann ja ganz was anderes.
 
Wallraff: Da hast Du Glück gehabt. Wahrscheinlich, weil Du mal mit einem guten Anwalt Deine Gegendarstellung durchgesetzt hast. Danach werden sie immer etwas vorsichtiger. . Allgemein ist ja ihr Handwerk, wie Einbruch-Spezialisten ihre menschlich klingende, geschulte Stimme wie ein Brecheisen anzusetzen. Ihre gedruckten Worte sind dann anschließend die Totschläger. Und da spielt es meistens überhaupt keine Rolle, was Du gesagt hast, oder auch was Du ihnen nicht gesagt hast. Die drehen dir doch noch dein Schweigen im Mund herum.  
Wenn man so einen Tag hier bei Dir zu Hause erlebt, ist es ja fast wieder wie in der Chausseestraße. Da kommen alle möglichen Leute, um Dich zu besuchen, Leute aus der Nachbarschaft, Kollegen aus Betrieben, weil sie in Dir jemand sehen, der ihnen bei ihren Problemen weiterhelfen könnte.
 
Biermann: Ja, da kommen hier aus Altona zum Beispiel Kindergruppen, .linke Eltern, die in Alternative zu den staatlichen Kinderverwahranstalten etwas aufbauen wollen. Eine dieser Gruppen war vorhin hier, und ich werde morgen für die singen, damit sie ein bißchen Wind unter die Flügel kriegen. Und dann habe ich mit Eva Maria ein Programm gemacht, das heißt »und lieb sein kann ich auch«.. Eva Maria Hagen ist eine Schauspielerin aus der DDR, die es hier im Westen schwer hat, und ich habe das am Anfang nur ihr zuliebe gemacht. Ich habe für sie, in all den DDR-Jahren, Lieder ins Deutsche gebracht, oder deutsche Texte vertont. Die hat sie schon in der DDR gesungen und hatte damit auch Erfolg. Das sind scheinbar unpolitische Lieder, die aber natürlich, wenn man nicht so einen schmalen Begriff von Politik hat, mindestens so politisch sind wie meine normalen Lieder. Dieser Abend, den wir jetzt daraus gemacht haben, hat auf eine ganz vertrackte Weise eine gute politische Wirkung. Er findet nämlich gerade in einer Zeit statt der Sympathisantenhatz, der allgemeinen Hysterie gegen alles, was links ist, in einer Zeit, in der sich viele verschreckte Bürger und viele Arbeiter einen Linken, einen Intellektuellen, nur vorstellen können als jemand mit dem Messer zwischen den Zähnen und mit der Maschinenpistole herumfuchtelnd. In dieser Zeit ist allein die Tatsache ein politischer Vorgang, daß ein bekannter linker Schreihals wie ich einen Abend lang Volkslieder singt, Liebeslieder, Deserteurlieder, Arbeitslieder, eben »Menschenlieder«, wie wir es in der DDR nannten. Da sagen sie dann: Das sind ja gar nicht .solche Bombenwerfer-Typen, die singen ja sogar etwas über den König Renaut aus dem 13. Jahrhundert, und das sind ja gar nicht solche Eintagsfliegen, die haben auch eine Vergangenheit. Und Leute, die eine Vergangenheit haben, die haben möglicherweise sogar Zukunft.