in konkret Januar 1977

Briefe
 
konkret intern
 
KONKRET-Redaktion, Anfang Dezember: immer noch wird, was wir schon ahnen, über Biermann diskutiert. Michael Scharang, der Wiener Schriftsteller, zitiert einen Satz aus der »Deutschen Volkszeitung«: »Eine gegen die demokratische Bewegung gerichtete Spalterfunktion, das ist ein Hauptkennzeichen der Aktion Biermann.« Gremliza antwortet: »Aber bitte, solchen harten Angriff auf den Genossen Honecker möchte ich im Blatt nicht lesen!«
 
»Die rechte Bande nimmt mich nicht mehr an die Brust« von Wolf Biermann
 
Horst Holzer, Medienwissenschaftler und einer der ersten und prominentesten Fälle bundesdeutschen Berufsverbots, besteht auf seiner Kritik an Biermann - Ausbürgerung
 
Wann bügert die Bundesrepublik Biermann wieder aus? Der österreichische Sozialist und Gewerkschaftsführer Nenning hört schon das »Dann geh doch rüber!«
 
»Biermanns Rausschmiß hat in der DDR keine Probleme gelöst, der BRD-Linken hingegen neue beschert«
 
»Eigentlich hatte ich die feste Absicht«, sagt Wolf Biermann, »den Memfis-fan-club – blues in der Bundesrepublik nicht zu singen.« Denn er provoziert Mißverständnisse. Nachdem das Lied aber, gegen Biermanns ausdrücklichen Wunsch, nach einer privaten Tonband-Aufnahme ungenau und mit Verfälschungen abgeschrieben, im »stern« erschien, entschloß sich Biermann doch, es in seiner Hamburger Veranstaltung vorzutragen. Jedoch nicht ohne ausführliche Einordnung. In seinem »Waschzettel« für dieses Konzert steht neben »Memfis-fan-club-blues« rot und dick unterstrichen: »Stasi gut!« Biermann erklärte seinem Publikum: Ein sozialistischer Staat braucht eine »Stasi«, braucht sie gegen die Reaktion im Innern und gegen die Aggression von außen- er darf sie aber nicht mißbrauchen gegen die eigenen kritischen Genossen.
 
Das «heilige Rom« hat einen roten Bürgermeister, den von der kommunistischen Partei nominierten Kunsthistoriker Argan. Fier KONKRET befragte Peter Kammerer den Professor nach der (Un)Regierbarkeit der Städte.
 
Ein »Frauenmörder«, ein »Untier« steht vor Gericht. Wie kam er dort hin?
 
Magazin
 
Mit geliehenem Firmen-Ausweis tat sich Günter Wallraff 1973 ein viertel Jahr lang im Kölner Gerling-Konzern als Bote um, entdeckte Bemerkenswertes und schrieb ein Buch drüber*). Lothar Neuse beschreibt die Folgen.
 
Wo vor 30 Jahren Göring, Himmler und andere Nazi-Verbrecher verurteilt wurden, fand Ende November ein internationales Tribunal gegen Pinochet, die CIA und ihre Helfershelfer statt: »Nürnberger Verhandlungen gegen die Verbrecher der Militärjunta in Chile«. Diese Verbrechen wurden von prominenten Zeugen belegt: von Hortensia Bussi Allende, der Witwe des ermordeten chilenischen Präsidenten, vom ehemaligen Justizminister Sergio Insunzas, vom ehemaligen Luftwaffengeneral Sergio Pobletes und von Armando Uribes, dem Botschafter der Unidad-Popular-Regierung in Peking, der nach dem Putsch von den Maoisten des Landes verwiesen wurde. Ebenfalls nach Nürnberg gekommen war Clodomiro Almeyda, der sozialistische Außenminister Allendes, der heute als Exekutiv-Sekretär der Unidad Popular den internationalen Widerstand gegen die Junta koordiniert. KONKRET-Mitarbeiter Joachim Minnemann fragte ihn nach seinem Eindruck von der Chile-Solidaritätsbewegung in der Bundesrepublik:
 
Radikalauer von Winfried Thomsen
 
Zum 28. I., dem Jahrestag eines Verfassungsbruchs
 
Die zerknautschte Lederjacke ist sein Markenzeichen geworden: Rainer Werner Fassbinder, Dramatiker, Schauspieler, Theaterregisseur, Filmer, Produzent und Selbstdarsteller, -allein als Autor der produktivste in Deutschland seit Kotzebue.Daß er seine Mitarbeiter austrickst, ausbeutet, terrorisiert, scheint zurr Erfolg dazuzugehören.Burkhard Mauer, Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne, hat den omnipotenten Fassbinder porträtiert.
 
Der Hamburger Schriftsteller Christian Geissler beschreibt in seinem neuen Roman »Wird Zeit, daß wir leben« die Jahre zwischen 1923 und 1933 konsequent aus der Sicht derer ,von unten'.
 
Zwölf Strophen über die Arbeitslosigkeit von Alfred Andersch
 
In dieser KONKRET-Buchkolumne stellen Autoren ihre jüngste Lektüre vor. In diesem Heft der in München lebende Schriftsteller Günter Herburger
 
Buchtips von Günter Wallraff
 
Wie gefährlich es ist, wenn Feministinnen sich aus der sozialistischen Bewegung herausemanizipierenÜber Marielouise Janssen-Jurreits »Sexismus«
 
KONKRET'S LITERARY SUPPLEMENT von Michael Schilling
 
Wenn hinten, weit in der Türkei, Staatsmacht und Völker aufeinanderschlagen, interessiert das hierzulande nicht einmal die Linken.
 
Als er anfing, eine paramilitärische Truppe aufzubauen, gab es zehnseitige Berichte über ihn: Karl-Heinz Hoffmann, Neonazi aus Nürnberg. Inzwischen ist er für Presse und Justiz ein »harmloser Spinner«. Tatsächlich aber bereitet er sich auf bewaffnete Kämpfe mit streikenden Arbeitern und Kommunisten vor. Die Polizei guckt zu.
 
Notizen aus einem Gefängnis-KrankenhausWer krank wird in einem niedersächsischen Knast, der kommt nach Lingen. Zwischen Kakerlaken, Dreck und verrotteten Putz. Dort wird auch operiert - im Krankenbett. Peter Fischer (der Name wurde von der Redaktion geändert) lag sechs Monate in Lingen.
 
Ja, darf man denn das? Man darf. Nämlich mit dem Fahrrad nach Hamburg fahr'n. Nein, nicht von Köln aus - von Westberlin. Über die Transitstrecke. Nicht nur die Grenzer haben ihre Amtsaugen aufgerissen, als KONKRET-Autor Horst Tomayer die Strecke als erster im Sattel abfuhr.